Die Konvergenz einer Situation, einer Persönlichkeit und einer Handschrift ergibt hier einen unerwarteten, aber evidenten Einfall, der komisch oder tragisch sein kann, meist aber komisch ist. Es können genauso mehrere Personen, die Situation kann Tatsache oder nur Gerede sein, die Zeichnung realistisches Portrat oder beabsichtigte Karikatur. Doch kein Bestandteil darf ausgelassen werden, wünschen wir ein vollstandiges Bild von Tims Kunst und ihrer Eigenart. Die wahre Funktion des politischen Karikaturisten ist das Erfassen einer Situation, einer oder mehrerer Personen in einer knappen, aussage- kraftigen Skizze. Doch politische Karikaturisten sind ausgenommen Tim - nie grosse Zeichner. Warum sind satirische Karikaturisten, im Gegensatz zu politischen, fast immer gute oder sogar grosse Zeichner? Niemand könnte sagen, dass Herblock schlecht zeichnet. Doch welcher Sammler wiirde einen Herblock nur wegen seines künstlerischen Wertes kaufen? Wer die Pointe der oben von mir als gleichzeitig unerwartet und evident bezeichneten Idee nicht erfasst hat, kann an der Zeichnung selbst wenig Freude finden. Eine Zeichnung von Tim ist jedoch in erster Linie eine Zeichnung. Ihr Witz ist hauptsachlich graphischer Art und behalt auch dann seine Gültigkeit, wenn sein Sinn sich nicht deuten lasst. Das war, wird jemand vielleicht entgegnen, auch bei Daumier so. Nicht genauso, möchte ich meinen. Denn selbst wenn Daumier politisch wurde, blieb er hauptsachlich Moralist. Ihn interessierte stets nur das Allgemeingiiltige an den Schwachen von Politik und Justiz. Selbst wenn Daumier die Karikatur einer bestimmten Person zeichnet, zeigt er sie mehr in ihren wesentlichen Charakterzügen als in einer besonderen Situation. Der politische Karikaturist geht dagegen stets von einer besonderen Situation aus, und ich möchte sogar sagen, dass die Genauigkeit und erfinderische Originalitat des Künstlers oft isjumg^ kehrten Verhaltnis zur Flüchtigkeit der Situation stehen. Die Sjnelli keit des Zusammenfassens reflektiert die Plötzlichkeit des Ges eher Und wenn unter seinem scharfen Bliek eine schone Zeichnun, jestt t annimmt, entzündet die Ausgewogenheit von Idee, Form und feiga euphorischen Spott und bitteres Vergnügen. Tim ist also unter anderem vielleicht vor allem anderi - politischer Leitartikler. Dieser unterscheidet sich vom pc isch 1 J ournalisten, weil er, wie der politische Karikaturist, fast stets vd tint j bestimmten Ereignis ausgeht, daraus jedoch weitergreifende 'hlüf zieht. Der schreibende oder zeichnende Leitartikler hat die G e, di Sinn und das verborgene Wesen eines in Ort und Zeit klar de,iiert Ereignisses herauszudestillieren. Ob er gut oder weniger gut lrei oder zeichnet, ist erst in zweiter Linie von Bedeutung. Ein Le ist in der Tat selten ein Künstler in Wort oder Zeichnung. if de Gebiet des Zeichnens ist Tim für mich der einzige Karikurist Frankreich, der gleichzeitig politischer Analytiker und grosser jicht ist. Zu seinem Wesen gehort auch, dass er keine menschlichet typt sondern echte Individuen mit eigenem Namen und Gesicht pr ntie Und das ist letztlich das Grundprinzip der Karikatur. Karikatur ist nicht einfach Entstellung des Menschengicht Mittelalterliche Wasserspeier, Leonardo da Vincis groteske Kcte oa die Monstergestalten von Bosch sind keine Karikaturen. kt Abbild ist, ist auch keine Karikatur. Nach dem italienischeihtra caricato bedeutet Karikatur ursprünglich «überladenes» Port t. L j Darstellung einer blossen Eigenschaft, etwa eines Lasters w 't Eitelkeit oder Lust, ist keine Karikatur, weil sie nicht das Port t cm. 564

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