ARCHIV FOR BUCHGEWERBH Licht, Schatten und Reflexen, also nur die vom Ma terial ausgehende Schonheit, wahrnehmbar ist, ge- fallt nicht. Es ist ja „nichts dran". 1st aber das Ganze eine Tulpe oder Lilie oder ein junges Madchen gar, in dessen hohlen Kopf die Kerze gesteckt wird, so liegt die Situation giinstig, man hat einen Anhalts- punkt fiir seine „Phantasie" gewonnen. Man wird sentimental erregt, wenn eine „trauernde Muse" auf dem Tintenzeug kauert. Dieses negerhaft rohe stoff- liche Interesse, dieser Wunsch nach handgreiflicher Deutlichkeit, beherrscht die Massen, und erklart allein das Behagen an all jenen fratzenhaften Monstrosi- taten, mit denen uns der Naturalismus durch seine brutale Gegenstandlichkeit gesegnet hat. Die Liebe zur schreienden Farbenbuntheit und das Behagen an scharf betontem Rhythmus in der Musik entspringt den gleichen Quellen. Dagegen ist der Sinn fiir schlichte sachliche Schon heit, fiir naturalistisch gegenstandslose, organische Schlichtheit selten. Einer Druckarbeit ohne ornamen- talen Schmuck und mag sie, was formale Anordnung betrifft, noch so gediegen gemacht sein, wird man sofort einen Wisch vorgezogen finden, der farbig ist, oder mit Blumen und Figuren aufgeputzt erscheint. Dieses Behagen an gegenstandlicher naturalistischer Plumpheit ist es, welches das Verstandnis fiir reine Schonheit so gering erscheinen lafit. Hier liegt auch der Schliissel zu folgendem. Wir kultivieren jetzt wieder den reinen Liniensatz. Das war schon friiher einmal, wenn auch formal in andrer Weise der Fall. Die Beispiele mehren sich schon, die jenen Linien- gebilden realistisch begrifflichen Wert aufzwingen. Dafi es vollig geniigt, ja, dafi es in vielen Fallen ge- radezu erlosend wirkt, nichts sehen zu miissen, als ein paar wohlproportionierte Teilungen durch Linien, fafit man eben nicht, weil man die tiefere Absicht all derer nicht begreift, die dem gegenstandlichen Natura lismus den Rticken gekehrt haben. Man wird nicht eher ruhen, bis die Linienbauten abermals etwas be- stimmtes „bedeuten". Man wird bald wieder Portale, Tempel, Pyramiden und ahnliches bauen, dann erst ist das platte plebejische Behagen wieder befriedigt, aber eine an sich gute Sache zuschanden geworden. Man sieht dann wieder, wo und wie, man kann mit plumpen Handen greifen, weil die iibrigen Sinne nicht erfassen konnen, dafi ein paar Linien allein Schmuck genug zu sein vermogen und dafi sie um ihrer selbst willen, ohne jede Bedeutung schon sind. Es ist das Los der Masse, dafi sie bestandig verkehrte Witte- rung haben wird, sie wird immer am aufierlichen haften. „Man" hat Eckmann mifiverstandenaus Van de Veldes Ornamentik ist eine entsetzliche Band- und Spuiwurmreinkultur abgeleitet worden, weil man nicht tief genug zu sehen vermag und deshalb die Absichten des Kiinstlers von vornherein mifiversteht. So wird Peter Behrens mit vollkommenem Unrecht zum Priigelknaben fiir kommende Verirrungen des Liniensatzes werden. So wird es immer sein, wenn man nie versuchen wird, neuer Erscheinungsformen innerstes Wesen zu erforschen und das Wollen der Kiinstler zu beachten. Die Arbeiten von Cissarz und Haustein haben ein Gemeinsames, bei aller sonstigen Verschiedenheit im besondern. Beide vermeiden grobnaturalistische Mittel in ihrer Ornamentik. Damit finden wir sie auf dem Wege, auf welchem die Entwicklung der ge- samten Ornamentik der letzten Jahre vorwarts drangt. Mehr oder minder bewufit iiberwanden die bedeut- samsten Erscheinungen unter den neueren Kiinstlern jenen grobmateriellen Naturalismus und suchten nach reinornamentalen Ausdrucksmitteln. Dafi jeder ein- zelne dabei zu andern formalen Lbsungen gelangt, kann iiber die allgemeine Tendenz keine Tauschung herbeifiihren. Kein wirkliches Kunstwerk ist eine platte Natur- nachahmung, es besteht fiir sich und unterliegt eignen Gesetzen und gerade fur die Ornamentik ist der sinn- lose Naturalismus verhangnisvoll genug, weil durch seinen Terrorismus das feine Gefiihl fiir rhythmi- schen Wohlklang der Linien und Formelemente zu verkiimmern drohte. In der gesamten historischen Ornamentik, ganz geringe Ausnahmen vorweggenom- men, spielt in der Ornamentierung bewufite Natur- nachahmung eine sehr beschrankte Rolle. Selbst die Pflanzenstilisierung der Gotik, jene rein malerisch naturalistischen Miniaturmalereien ausgeschaltet, be- wegt sich in ganz scharf erkennbarer Form nach Ge setzen, welche entwicklungsgeschichtlich fafibar sind. Die historische Betrachtung der Ornamentik zeigt, dafi ein willkiirliches Herausreifien natiirlicher Pflan- zen, um die Ornamentik zu bereichern, nur in aufier- ordentlich beschranktem Mafie geschah. Dafi die neuere Entwicklung so stark gegen den sentimenta- lisch lyrischen Pflanzenmifibrauch reagiert, ist ein sehr erfreuliches Zeichen. Man erkennt daran, dafi sich der Ornamentiker seiner eigentlichen Aufgaben wieder bewufit wird. Man gewinnt aus diesen Vor- gangen auch den Glauben, dafi nun auch die destruk- tiven Einseitigkeiten des Japanismus gar zu iiber- winden sein werden und dafi wir Riickfalle wohl kaum mehr zu fiirchten haben. Haustein und Cissarz sind beide durch die natura- listische Schule gegangen, beide ringen sie heute um formal gelauterte Ausdrucksmittel und noch ware es verfriiht iiber beider Kiinstler Physiognomie ein letztes Wort zu versuchen. Arbeiten von Cissarz aus dem Verlag Diederichs sind den Lesern des Archiv nicht unbekannt, auch an den Katalog des Buchgewerbemuseums wird man sich erinnern. Die neueren Arbeiten indes wollen damit nicht ver- glichen sein, da sie deutlich verraten, dafi des Kiinstlers Mittel sich verfeinern. Vor mir liegt eine S3 461 23 65

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1904 | | page 103