ssssbssskssssskskss archiv fur buchgewerbe mmmmmmmmum Seitenumrahmung eines Gedichtbandes „Wolken- schatten und Hohenglanz" von Gottfried Schwab, (Verlag von Lampart Co. in Augsburg, Satz und Druck von Theodor Lampart in Augsburg), wofiir Cissarz eine stattliche Reihe von Vortiteln, einfache Rahmen und reichere Seitenrahmungen gezeichnet hat. Darunter ist ein Blatt von besonderem Interesse. Aus dem Gedicht spricht beklommene Diisternis, Lebenssattheit eines alternden kranken Mannes und bange Todesahnung. Diese Stimmung nahm der Kiinstler auf und paraphrasiert sie ornamental. Ein leidensvoller Kopf, mit wenigen Strichen gegeben, zieht suggestiv unsre Augen an. Uber die Stirne laufen zwei schmerzlich nach oben steigende Falten. Uber der Nasenwurzel hochgezogene Brauen, miide geschlossene Augen, ein an den Winkeln abwarts- sinkender schmaler Mund und eingefallene Wangen gemahnen an Leid und Trubnis, an Tod und Sterben. Von der Mitte aus, nur schwach gebogen, hangen miide leichte Zweige mit kleinen silberpappelahnelnden Blattchen rechts und links herunter. Die zierlichen miiden Zweige verstarken die Stimmung, die das lei- dende Antlitz auf uns macht. Alles ist ornamental ge- lost, nicht im geringsten wird man an fatale Illustration gemahnt. Wenn andre Zeichnungen im gleichen Werk dekorativ kraftigere Wirkung tun, an innerem Gehalt wird diese Zeichnung von keiner andern iibertroffen. Und doch, die Stimmung des Gedichtes konnte formal noch starker wirken als es geschieht. Es ist noch nicht allzuviel iiber die Ausdrucks- fahigkeit der Linie, iiber die suggestive Kraft, die durch ein paar Striche auf uns iiberstromt, gesagt worden. DaB selbst von rein abstrakten Linienge- bilden, ohne jede gegenstandliche Bedeutung, solch eine Kraft ausgehen kann, bediirfte wohl keiner Worte, wohl aber des exakten Beweises, den ich hier nicht zu geben habe. Man kann sich rein ornamen- tale Gebilde, ohne jedes allegorisierende oder sym- bolische Beiwerk denken, die den Stimmungsgehalt eines ganzen Biihnenaktes, einer Ballade, eines lyri- schen Gedichtes auszudriicken vermogen. Van de Velde meint, daB Linien untereinander dieselben logischen und konsequenten Beziehungen haben, wie die Zahlen und die Tone in der Musik. Er ver- mutet, daB wie die Farben, auch die Linien ergan- zende Werte besitzen und dafi man die hier geheim waltenden Gesetze eines Tages kennen wird. Gewifi haben die Linien ihre Bedeutung und es gibt den und ienen, der ihre Sprache beherrscht und solche, die zu lesen vermogen. Es ist nicht ohne EinfluB fur das Zustandekommen suggestiver Wirkungen, ob Linien eng oder weit stehen, ob sie in gleicher Starke und Entfernung parallel angeordnet oder in wechselnden Abstanden rhythmisiert sind. Es wird ferner nicht ohne Wir kung bleiben, wenn zart andeutende oder markig wuchtige Striche gewahlt worden sind. Die Linie vermag Pianissimo und Forte auszudriicken. Miidig- keit, Schlaffheit, weichgeschwungene Anmut oder unerbittliche Harte lassen sich durch die Linie sugge- rieren. Gehaufte senkrechte Linien wirken steif und unter gewisser Anordnung hart und streng. Voll sinnlicher Anmut ist das volutenformig weichrankige antike Ornament und das noch sinnenfrohere Rokoko. Man denke an Peter Behrens straffe, manchmal beinahe steifleinenen Lineamente, seine trockenen gehauften Parallelismen und vergegenwartige sich dann die sinnlich lebendigeren Liniengebilde eines Van de Velde! VerstandesgemaBe, mehr oder minder scharf deduzierbare, erzwungene, gewollte Feierlich- keit bei Behrens und aus dem Instinkt schopfendes selbstsicheres Zugreifen bei dem Belgier. Empire und Rokoko. Die Linie vermag wirklich viel zu sagen. Cissarz hatte den Eindruck des Traurigen, Hoff- nungslosen, Sterbensmiiden leicht noch intensiver zu gestalten vermocht. Wiirden die Zweige weniger nach auswarts schwingen, sich weniger weichwellig bewegen, hingen sie senkrechter, schwachstengeliger hernieder, wiirden die Blattchen mimosenhaft schlaff nach abwarts geneigt sein, die Suggestion ware noch starker. Es mag wohl sein, daB Cissarz auf die schmalen, miidhangenden Weidenblatter bewuBt ver- zichtete, und wenn er das tat, war es nur klug. Auch kritisiere ich nicht, das Seitenbild brachte mir nur jene Gedanken und dann ist es das erste mir be- kannte Blatt, wo es Cissarz versucht, mit rein orna- mentalen Mitteln Stimmung zu erzeugen. Einer der weniger schatzbaren Vortitel ziert Seite 51. Durch einen MiBgrifF in der proportionalen An ordnung der Massen erscheint hier der negative Grund als betontes Muster und zwar nicht nur auf fliichtige Momente, sondern fur mein Auge konstant und dieser negative Teil ist von wirklich haBlicher Gestaltung. Positive und negative Formen eines Ornamentes miissen gleich vollendet sein, soli har- monische Wirkung entstehen. Im gleichen Werke finden sich noch eine Reihe sehr ansprechender Ar- beiten, die es wiinschenswert erscheinen lassen, dem Kiinstler ofter so reich ausgestattete Werke in die Hande gelegt zu sehen. Auffallend ist es, daB Cissarz den Text des Ge dichtbandes, zu dem die Huppsche Neudeutsch ver- wendet wurde, in mildem Blau auf gelblichem wei- chem Papier drucken lieB. Die Ornamentik steht in tiefem Ockerton wohl sehr gut zur Schrift, aber wenn es nicht Lyrik ware, die man ja allerdings nur in seltenen Stunden zur Hand nimmt und langsam liest, mochte wohl noch gar mancherlei zu sagen sein. Der 18. Jahrgang des Kunstwart erhielt durch Cissarz sein neues Gewand. Fur den Callweyschen Verlag zeichnete er dann neuerdings einen sehr t3 462 Zi

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1904 | | page 104