888888S8888888888S8 archiv fur buchgewerbe mmmmmmummm Behandlung des Gesichts einen merkwiirdig ver- worrenen, ungeschickten Eindruck. Die Faltenziige auf dem linken Oberarm iiberzeugen nicht, und die linke Hand wirkt ganz dilettantisch. Und nun be- trachte man das Original: da ist alles anders! Das Gesicht ist wunderbar fein und scharf gegliedert, jene Falten sind einleuchtend und die Hand wahr. Woher der Unterschied? Die Sache liegt so: im Gesicht z. B. sind aus ganz feinen regellos ge- hauften Strichelchen Tonflachen gebildet, in denen der einzelne Strich nichts, der Tonwert der ganzen Flache alles bedeutet. Vor der riesigen Vergrofierung aber, zumal wenn wir sie aus der Nahe betrachten, konnen wir den einzelnen Strich nicht ubersehen: sein Charakter, sein Lageverhaltnis zu andern Strichen wirkt mit. Und nun sehen diese unordentlich hin- gesetzten Striche ungeschickt aus. Menzel zeichnet, wo er selber einen grofien MaBstab annimmt, ganz anders! Da sind seine Strichlagen offen, regelmafiig; sie modellieren an der Form mit. Man sehe sich nur etwa die kostlichen Helden aus Konig Friedrichs Zeit darauf hin an. Es ergibt sich: schon dieses Blatt hat durch die VergroBerung nicht gewonnen, sondern verloren, nur verloren. Es ist groB gedacht, gewifl. GroB aus- gefuhrt aber wiirde es andrer Mittel bediirfen, um grofi zu wirken. So wirken zahlreiche Einzelheiten geradezu kleinlich. Und das ist das beste der Blatter! Betrachten wir nun noch ein zweites, das Lagerfeuer. Hier ist ge- rade der Hauptreiz, das Helldunkel, so gut wie vollig verloren gegangen. Es ist iiberaus interessant zu sehen, wieviel das Ganze zunachst an Tiefe eingebiiBt hat. Man vergleiche nur die Partie links bis zu dem zweiten Feuer oder die Wirkung rechts, wo sich im Original iiberall deutlich ein Tiefenabstand der hellen Lichtquelle von dem Holztrager und seiner Last vorn bemerkbar macht. Wie flach, nichtssagend ist da- gegen die VergroBerung! Mit der EinbuBe an Tiefe, an Raum hat das Blatt aber eben auch den Schliissel zum Verstandnis des Helldunkels aufgegeben. Wie fein tritt im Original der Posten ins Halblicht zuriick, verschwindet der Soldat ganz rechts in der Nacht! Und wie hart und holzern nehmen sich die beiden in der VergroBerung aus! Von dem durchleuchteten Rauch, von Friedrichs Mantel, von den Pferden will ich gar nicht reden. (Siehe Abbildung und Beilage.) Ich gestehe, hier ist mir denn doch die Bemerkung des Prospekts iiber die Vorziige der VergroBerung schlechterdings unverstandlich. Aber auch hier wollen wir uns nicht damit be- gniigen, festzustellen, daB Original und Vergrofierung recht verschieden wirken: wir mochten auch wissen, warum sie das tun. Der Grund ist, glaube ich, nicht n~ schwer einzusehen. Wir haben hier ein ganzmalerisch gedachtes Blatt vor uns. Wie vorhin in Friedrichs Gesicht ist der Tonwert der einzelnen Flachen das Entscheidende. Die Zeichnung des Originals gibt dementsprechend ein dichtes Gefiige von einander vielfach durchkreuzenden Strichen. Der weitaus grofiere Teil der Bildflache zeigt Halbtone. Nun weifi jeder, der es mit dem VergroBern von Halbtonbildern zu tun gehabt hat, dafi sich die Werte mechanisch nicht verhaltnismaBig vergrofiern lassen: die Lichter nehmen bei der VergroBerung aufKosten der Schatten zu natiirlich nicht mefibar auf der Platte oder auf dem Druck, wohl aber in ihrer optischen Wirkung aufs Auge (umgekehrt gehen bei Verkleinerung eines Halbtonbildes die Lichter bekanntlich zu). So erklart sich also ohne weiteres, dafi die riesige mechanische VergroBerung unsers Helldunkelstuckes das Blatt um seine besten Wirkungen bringen mufite. Es ist monotoner geworden. Was dort feine kleine Licht- flecken waren, ein leichter Lichtschimmer, oder von spielenden Lichtern halb beleuchtete Flachen, das sind hier mit ungefiigen Strichen uberzogene helle Grtinde, karierte, gepunktete, durchaus nichtssagende starre Wande. Alle Verhaltnisse (in Licht und Dunkel) sind verschoben, aller Duft ist weg, der Strich behalt das letzte Wort. Und er bleibt, wie dort beimFriedrich, in seiner Regellosigkeit, die nichts charakterisiert, keine Form entwickelt, einfach unverstandlich. Von den beiden andern Blattern ware Ahnliches zu sagen. Es ist auch hier lehrreich zu beobachten, was die VergroBerung ertrug und was ihr zum Opfer fiel. Die Pferde der Kiirassiere (Zorndorf) sind, soweit sie im Original bestimmt durchmodelliert erscheinen, und besonders im Motiv, in der Bewegung und Hal- tung, auch in der Vergrofierung vortrefflich. Alles aber, was auf dem Blatt wieder nur als Ton spricht, wie Staub und Pulverdampf (links unten und hinten), oder was dort nur skizziert ist, um fern zu erscheinen (die Reiter hinten), wirkt in der VergroBerung un- geschlacht und nichtssagend. Und die Tafelrunde ich mochte lieber von ihr schweigendas wundervolle Blatt mit seinem Lichter- glanz oben und den spriihend lebendigen Kopfen un ten ist fast zur Karikatur entstellt. Nein, mit diesen Blattern wird man Menzel im deutschen Haus nicht einbiirgern. Hoffentlich nicht. Ich erkenne die ausgezeichnete Absicht, die den Ver- lag geleitet hat, voll, ja mit Dank, an. Aber der Ver- such war ein Mifigriff. Wenn es sich darum handelt, nicht durch den Stoff allein, sondern durch die spe- zifischen Werte der Arbeit des gestaltenden Kiinstlers zu wirken, dann diirfen wir nicht zu Bildern greifen, die den besten Teil dieser Arbeit nur verkiimmert wiedergeben. =n S3 465 23

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1904 | | page 111