Wie ist es in Beriicksichtigung solcher Umstande dann moglich, plotzlich zu einer neuen Linie uberzu- gehen, die eine Verwendung mit den schon vorhandenen Schriften vollstandig ausschlieBen wurde? Bei Neueinrichtungen von Buchdruckereien wurden solche Bedingungen wohl auf weit weniger groBe Schwierigkeiten stofien, wenn nicht andererseits die SchriftgieBereien ebenfalls wieder nicht in der Lage sein werden, solchen plotzlich an sie herantretenden Anforderungen in vollem Umfange Rechnung zu tragen. Die Herren des Ausschusses haben sich gewiB nicht davon Rechenschaft gegeben, was fur eine enorme Biirde sie den SchriftgieBereien mit ihrem BeschluB auferlegten. Ja, man darf wohl sagen, daB bei einer strengen Durchfuhrung der Resolution die Existenz mancher GieBerei in Frage gestellt wurde. Noch jetzt sind samtliche GieBereien infolge unsrer friiheren zerrissenen Verhaltnisse auf dem Gebiete des Kegels und der Hohe gezwungen, zweierlei Lager zu halten, ein solches fur Normalhohe und ein solches fur hohe Hohe. Die Einfuhrung der Normallinie zwingt sie nun dazu, dieses Lager zu ver- doppeln und somit gleiche Schriften in 4 verschiedenen Sorten auf Lager zu halten, gar nicht zu sprechen von den groBen Verlusten, die ihnen dadurch erwachsen, daB schlieBlich ein groBer Teil der auf seit- lierige Linie gegossenen Schriften dann entwertet werden wurde, wenn ein jeder seine Neubestellungen in Universallinie ausgeftihrt zu sehen wiinschte. Der bei weitem am tiefsten einschneidende Teil des Beschlusses des Deutschen Buchdrucker- Vereins ist aber das Dekret denn anders kann man es wohl kaum bezeichnen, bei alien Be- stellungen die Oenzsch Heyse'sche Universallinie vorzuschreiben, und zwar ohne Riicksicht darauf, ob dieses System in alien andern deutschen GieBereien uberhaupt durchfiihrbar ist oder nicht. Es mud daher auf das aufrichtigste beklagt werden, daB ein solcher BeschluB ohne Heranziehung samtlicher Beteiligten herbeigefuhrt wurde. Wenn die Vereinigung Deutscher SchriftgieBereien, nachdem sie die Undurchfiihrbarkeit des Oenzsch Heyse' schen Systems fur eine Anzahl von Kegeln festgestellt hatte, sich am 16. Mai d.J. fur das von Berlin empfohlene Schriftliniensystem entschied, so steht sie damit, wie sehr erklarlich, aber nicht anders moglich, allerdings in direktem Widerspruch zu dem BeschluB des Deutschen Buchdrucker-Vereins. Es stehen sich nun nicht nur diese beiden Systeme gegentiber, sondern es kommt auch unser System, das sich, wie gesagt, schon jahrelang praktisch erprobt hat, noch hinzu und darf unseres Erachtens aus diesem Grunde in der Linienfrage nicht unberucksichtigt bleiben. Im allgemeinen mochten wir noch betonen, daB ja doch das Bestreben, eine Universal- bezw. Normallinie zu schaffen und einzufiihren, von den SchriftgieBern ausgegangen ist und nicht von den Buchdruckern und daB man schon urn deswillen die einzelnen Vertreter der drei Systeme horen sollte, da die Gesamtheit der deutschen GieBereien mit einer solchen tief einschneidenden Neuordnung doch die groBten Lasten und Opfer zu ubernehmen hat. Soviel kann aber hier schon mit aller Sicherheit behauptet werden, daB das Oenzsch Heyse'sche System fur einzelne Kegel ganz unannehmbar ist, denn es wurde nicht nur die Schwierigkeiten, sondern auch die von den SchriftgieBereien zu iiber- nehmenden Lasten ins Ungemessene steigern. SchlieBlich mussen doch auch solche erhebliche Mehr- kosten in der Herstellung von Schriften nicht ohne EinfluB auf deren Verkaufspreis bleiben, und somit wiirde der BeschluB des Deutschen Buchdrucker-Vereins, wenn er wirklich aufrecht erhalten werden sollte, nur dazu fiihren mussen, durch Verteuerung des Materials die Buchdrucker ins eigene Fleisch zu schneiden; es wiirde sich dieMaBnahme demnach als eine solche darstellen, die nurNachteile fiir ihre Mitglieder im Gefolge hatte. Schon aus diesem Grunde empfehlen wir auch den Vertretern des Deutschen Buchdrucker- Vereins die eingehende und unbefangene Durchsicht unserer Abhandlung. Es ist also eine unbedingte Notwendigkeit, daB in alien den Punkten, in denen die drei Systeme von einander abweichen, und die Anzahl dieser Punkte ist gar keine so bedeutende zwischen den Beteiligten im Interesse der Gesamtheit noch eine Einigung herbeigefuhrt werde. Bei einiger- maBen gutem Willen und durch eingehende und sachliche Betrachtungen der Differenzpunkte wird hoffentlich dann ein einwandfreies Ergebnis gezeitigt. 2

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1904 | | page 134