Welche Grundsatze haben uns bei der Bestimmung der Universallinie zu leiten? Nach unserer Uberzeugung mu6 die Schriftlinie so eingerichtet sein, daB 1) samtliche Schriften gleichen Kegels, gleichviel welcher Herkunft, genaue Linie halten, 2) daB moglichst in alien Kegeln der Abstand vom Rande des Schriftkorpers bis zur Linie ganze Punkte betragt, so daB a) verschiedene Schriftgrade mil einander durch Verwendung von systematischem DurchschuB in Linie gebracht werden konnen und b) durch Messinglinien dargestellte Schreiblinien bei Unterlegung mit vollen Punkten mit der Schrift genau Linie halten, 3) daB sie ein richtiges Steigerungsverhaltnis in derBildgroBe der einzelnen in der Praxis vorkommenden Grade ermoglicht, ohne Zwischenkegel einzuschieben, 4) daB sie eine dem guten Geschmack Rechnung tragende Verteilung des Schriftbildes auf dem Kegel zulaBt, d. h. daB die Verhaltnisse der Versalien zu den Gemeinen, bezw. die der Ober- und Unter- langen in ein das asthetische Gefiihl befriedigendes Verhaltnis gebracht werden konnen, 5) daB sie die Moglichkeit zulaBt, die schon vorhandenen alten Schriften ohne wesentliche Kosten fur Umschnitte auf diese Normallinie zu gieBen, 6) daB eine gute Ausnutzung des Schriftkegels ermoglicht wird, damit das Schriftbild im augenhygie- nischen Interesse moglichst groB und deutlich gestaltet werden kann, 7) daB iiber den Versalien noch etwas Fleisch am Korper bleibt, urn in Fallen, in denen fiir die Versal- umlaute verkleinerte Schriftbilder nicht gestattet werden, den Umlautpunkten und der groBen Zahl fremdsprachlicher Versalaccente innerhalb des Kegels noch eine gute Stiitze zu gewahren, 8) daB zur Erzielung einer gleichmaBigen Flachenwirkung im Accidenzsatz die meist als weiBe Linien unangenehm hervortretenden und storenden Zeilenzwischenraume moglichst gemindert werden. Man sieht, die Zahl der gestellten Bedingungen ist nicht gering und es bedarf eines reiflichen Abwagens aller dieser Forderungen gegen einander, um zu einem einigermaBen befriedigenden Ergeb- nisse zu gelangen. Eine Forderung wird dabei oft zu gunsten einer andern zuriicktreten und auch das asthetische Empfinden wird manchmal dem praktischen Bediirfnis weichen mussen. Ehe wir zu den Betrachtungen der einzelnen Bedingungen iibergehen, mochten wir die wich- tigsten Universalliniensysteme in schematischen Darstellungen zum Vergleich bringen (siehe S. 5). Die Zahlen auf der horizontalen Linie der Schemas bezeichnen den Kegel, die oben abgedruckten Ziffern den Oberlangenraum, die unteren den Unterlangenraum. Da in den groBeren Graden Mischungen verschiedener Schriften in kompressem Satz weniger in Frage kommen, empfiehlt es sich, die Kegel in 2 Hauptgruppen zu scheiden, und zwar als Gruppe 1 Perl bis Cicero (Buchschriften) und als Gruppe 11 die Kegel von Mittel an aufwarts (Titelschriften). In der Buchschriftengruppe haben annahernd gleiche Verhaltnisse die Kegel: Nonpareille, Petit und Cicero, wahrend Kolonel bei Schelter Qiesecke, Bourgeois bei dem Berliner System und Korpus in alien drei Systemen in der Linie wesentlich abweichen. In der Titelschriftgruppe zeigt sich eine ziemliche Abweichung im System von Schelter Qiesecke, in dem die groBen Kegel mit betrachtlich kurzeren Unterlangen ausgestattet werden, als die der Uni versallinie von Genzsch Heyse und dem Berliner System. 3

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1904 | | page 135