Aber auch die Kolonellinie des Oenszch Heyse'schen Systems scheint insofern falsch gewahlt, als auch hier der Oberlangenraum zu knapp wird. Von 22 unserer Kolonelschriften mUBten in gleicher Weise wie bei der Korpus 9 Schriften umgeschnitten werden, urn sie auf die Oenszch Heyse'sche Linie zu bringen, und wir glauben nicht fehl zu gehen, wenn wir annehmen, daB in den anderen GieBereien die Sachlage eine gleiche oder ahnliche ist. Aus diesem Grunde durften wohl auch die Vertreter des Berliner Systems, sobald die Kolonel- Schriften in gleich sorgfaltiger Weise gepriift werden, als dies bei den Bourgeois- und Korpus-Schriften der Fall ist, von der 5-Punkt-Oberlange zu Gunsten einer groBeren Oberlange noch abgehen. Aber auch die Firma Genzsch Heyse durfte ziemlich groBen Schwierigkeiten begegnet sein, ihre Korpusschriften auf Universallinie mit der Genauigkeit zu stellen, die sie in dieser Linienfrage angewendet wissen will. Denn ein Teil der auf ihrer Normal-Schrifttafel abgedruckten 44 Korpusschriften sind in ihren Versalien teils 7 Punkt, teils noch groBer und sind demnach genau auf die Genzsch Heyse' sche Korpuslinie nicht zu bringen, sobald man die Bedingungen erfullen will, die beim Schnitt gewohnlicher Buchschriften, wie wir spater sehen, berucksichtigt werden miissen. Gerade die wohl den meisten Fachleuten bekannte Romisch und auch die dazu gehorige Kursiv- und halbfette Romisch stehen, da sie zu groB im Bilde sind, zu scharf in Linie, gar nicht zu sprechen von den Frakturschriften, die nicht unerheblich unter der Linie hinunterragen. Den beregten Mangel haben nun zwar Genzsch Heyse durch Einschiebung eines 11-Punkt- kegels zu beheben gesucht und vermoge dieses Hilfsmittels hat sich ja wohl eine einigermaBen be- friedigende Staffel der aneinandergereihten Versalien erzielen lassen. Der 11-Punktkegel ist nun aber ein Kegel, der bei uns in Deutschland iiberhaupt nicht eingefiihrt ist und fur den man wohl schwer- lich ein neues Heimatsrecht bei uns schaffen mochte. Der Buchdrucker hat absolut kein Interesse daran, daB sein Buchschriftenvorrat noch um die Mengen eines weiteren Kegels vermehrt und ihm dadurch weiteres Material aufgebiirdet wird, das ihm vielleicht die meiste Zeit unbenutzt im Kasten liegt und fur das er keine entsprechende Verzinsung erhalt. Es ist durchaus unverstandlich, wie Genzsch Heyse zu diesem Fremdling kommen, sind sie im 11-Punktkegel doch selbst nur durftig ausgestattet. Ihre Musterbucher zeigen nur drei Antiqua-Buch- schriften auf 11 Punkte, aber keine einzige Auszeichnungsschrift. Aber wozu auch diese illegitime Einschiebung des fragwurdigen 11-1'unktkegels? Sie ist durch aus entbehrlich, denn sobald man nur den notigen Ausgleich zwischen KegelgroBe und Schriftbild bei den hierbei in Frage stehenden Kegeln Bourgeois, Korpus und Cicero herbeifuhrt, wie wir das weiter unten sehen werden, laBt sich eine ganz einfache Losung der BildgroBenfrage der Korpus herbeifiihren. Nun lassen ja die beiden Kegel Bourgeois und Korpus der Staffelschrift von Genzsch Heyse trotz ihres gleichen Oberlangenraumes im Bilde immer noch einen gewissen GroBenunterschied erkennen. Wie mag dies wohl zu erklaren sein? Nun, es sind eben auch hier wieder, wie bei der Einschaltung des 11-Punktkegels, Mittel gewahlt worden, die bei genauer Betrachtung in technischer Hinsicht nicht standhalten. Es muB hier zum besseren Verstandnis der spateren Darlegungen noch t'olgendes ein- geschaltet werden. Jeder SchriftgieBereifachmann weiB, daB halbfette und fette Schriften, da ihre Punzen enger aus- fallen als diejenigen der zugehorigen Textschrift, infolge optischer Tauschung dann kleiner erscheinen als diese Textschrift, wenn ihre auBeren BildmaBe der Textschrift genau entsprechen. Ebenso ist es allbekannt, daB wiederum infolge optischer Tauschung die sogenannten Rundungen der Schrift, also Buchstaben wie C G O Q S kleiner erscheinen, als die mit geradlinigem Geriist ausgestatteten Buch- staben H E F usw., wenn sie in gleicher GroBe wie diese geschnitten wiirden. Deshalb miissen nicht nur diese halbfetten und fetten Schriften im Bild groBer gestaltet werden, sondern auch die Rundungen dieser Schriften wiederum groBer, als die oben geradlinig verlaufenden Buchstaben, mithin diirfen letz- tere den Raum nicht ganz ausftillen. Es ist ferner ein auf Erfahrung beruhendes Gebot, die Oberlangen, also alle Versalien und hohen Gemeinen nicht bis scharf an den Kegelrand heranreichen zu lassen (vergl. Abbildung A), d. h. den Korper fur das Bild etwa derart voll auszunutzen, daB feine Linien messerscharf am Kopfende des Bildes 11

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1904 | | page 143