=HgOm= Wenn man sich Hamburg auf dem Dampfschiffe nahert, so erblickt man einen ungeheuren Wald von Mastbaumen. Die Luft ist voll wehender Wimpel aller Farben und Nationen. Zwischen denselben blahen sich ungeheure Segel auf, und schwarze Rauchwolken steigen aus den Schornsteinen der Dampfschiffe. Dahinter befinden sich gewaltige Speicher fur die Warenvorrate. Am Ufer wogen geschaftige Menschen auf und ab. Dazwischen jagen Droschken und Reiter. Alles Kostbare und Schone der Erde steht hier aufgestapelt in gewal- tigen Fassern und eisenbeschlagenen Kisten. Auf dem Wasser drangen sich Schiffe und Fahrzeuge aller Art durcheinander. Die einen wollen vom Korpus Romanisch auf Normallinie Schelter Giesecke gegossen Betrachten wir doch aber auch einmal die sogenannten Kunstlerschriften, Schriften, deren Ver- haltnisse doch wohl nach kiinstlerischem Empfinden gewahlt sein miissen. Wir finden bei derartigen Schriften nicht nur Unterlangen, die noch unter das von uns gewahlte MaB hinabgehen, sondern auch die schon lange Jahre geubte Gepflogenheit berucksichtigt, die Unterlangen wesentlich kurzer zu gestalten als die Oberlangen. Die Unterlangen der Korpus der Eckmann z. B. betragen nur 1,9 Punkt, die der Behrens sogar nur 1,6 Punkt. Was von diesen Kunstlern als richtig empfunden wurde, darf wohl auch fur andere maBgebend sein? A A 10 -1/ V Korpus Normalschrift von Genzsch Heyse (photographisch vergroBert) Und schlieBlich, warum miBt man diesen Unterlangen uberhaupt so groBe Bedeutung bei? Vom ganzeu Alphabet sind es in der Antiqua doch nur 5 Gemeine (g j p q y) und ein Versalbuchstabe (J), die unter die Linie hinuntergehen. In der Fraktur sind es 9 Gemeine (f g j p q f 9 und 3) und 6 Versalien (5 A s-)3 un^ 3)> ur|d von alien diesen Unterlangen sind doch nur wenige, die nach unten vollwertig ausgebildet sind. Die meisten laufen in Spitzen aus oder in einem nach unten ver- langerten einzelnen Grundstrich, so in der Antiqua p und q, in der Fraktur f Ij j p q und 9 und insofern haben sie doch fast gar keinen EinfluB auf die eigentliche Gestaltung des Schriftbildes. In der Antiqua kommen im deutschen Satz zumeist nur g j und p in Betracht, und selbst diese stehen in der Zeile nui ganz verei 11 zelt. Kiirzere Zeilen sind oft ganz ohne Unterlangen. Man hat also, wie gesagt, doch gar keinen triftigen Grand, diesen Unterlangen ein solches Gewicht beizulegen. Fur die asthetische Wirkung kommt in der Hauptsache nur das Verhaltnis der Gemeinen zu den Versalien in Betracht. Wir wollen gern zugeben, daB die Unterlange zur Erleichterung beim Lesen, zur schnelleren Er- tassung des Wortbildes wesentlich beitragt, und insofern ist sie auch von praktischer Bedeutung. Aber es genugt, wenn die Unterlange so deutlich hervortritt, daB man sie gut unterscheiden kann. Asthetisch betrachtet ist die Unterlange aber nur ein notwendiges Ubel. Jeder Kiinstler, der Schrift- titel in neuzeitlicher Auffassung zu zeichnen hat, jeder Accidenzsetzer, der diesen Titel setzen muB, wild wohl in den meisten Fallen nur Versalien benutzen, weil er den storenden Liicken, die insbe- sondere bei Verwendung der Gemeinbuchstaben, namentlich wenn Unterlangen dazwischen treten, im gesamten Satzbild entstehen wiirden, aus dem Wege zu gehen bestrebt ist. Und in Erwagung aller dieser Momente darf man wohl sagen, daB es durchaus unrichtig sein wiirde, in Bezug auf die Normal linie diese Unterlangenfrage zu einer Hauptsache zu stempeln. Sie muB alien den andern Forderungen gegeniiber unbedingt zuriickstehen. Und nun zu der Forderung unter Punkt 5 und zu dem Einwand, der erhoben wird, daB fur ein so giobes Schriftbild, wie es unsere Korpus aufweist, kein Bedurfnis vorhanden sei und daB ein so nahes Aufeinanderstehen der Zeilen, wie es ein groBes Schriftbild zur Folge haben wiirde, der Gesund- heit der Augen nicht forderlich ware. Dieser Einwand ist so paradox, daB man ihn eigentlich nicht 18

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1904 | | page 150