8888888888888888888 ARCHIV FUR BUCHGEWERBE habe ich rund 40 Firmen besucht, die den ver- schiedensten Zweigen des Buchgewerbes ange- horen: Buch- und Musi- kalienhandlungen, Buch- und Notendruckereien, Photomechanische An- stalten, Maschinenfabri- ken usw., und die kurze, durch Abbildungen unter- stiitzte Beschreibung der wichtigsten derselben kann doch immerhin ein ungefahres Bild von dem Stande und der Bedeu- tung des Buchgewerbes in den Vereinigten Staaten iiberhaupt geben. Dem Gange meiner Reise ent- sprechend,beginneich da- bei mit der altesten, vor- nehmen Kulturstatte, mit Boston, wo es dem Euro- paer so relativ leicht wird, sich wohl und heimisch zu fiihlen, weil er schon eine sichere, gefestigte Tra dition hier findet. Unser treffliches Mitglied Herr D. B. Updike (The Merrymount Press) ist ein beson- ders bezeichnendes Beispiel fiir diesen sehr aus- gepragten, konservativen Bostoner Charakter. Selbst noch ein jiingerer Mann, lebt er in seinem behag- lichen Junggesellenheim eigentlich ganz in der Vergangenheit, umgeben von Familienbildern und stilvollen alten Mobeln; sogar zum Musizieren muG ein altes Spinett dienen. Man muG diese person- liche Eigenart des Be- sitzers kennen, um die Arbeiten der Merrymount Press recht zu verstehen auch sie schlieGen sich ganz an dieVergangenheit an und wollen die gute Art der alten Meister wieder zu Ehren bringen, ein Grundsatz, der sie unsern eignen Bestrebungen hier in mancher Hinsicht so verwandtmacht. Dabei ist es der leitende Gedanke in dem nur kleinen, aber auGerst schmucken Be- triebe, alien Arbeiten, auch den bescheidensten, wenigstens einen Hauch kiinstlerischen Empfin- dens mitzugeben, und schon die Ausstattung der Setzersaal der Merrymount-Press, Boston Raume versetzt den Be- sucher in eine gewisse Stimmung. Empfangs- und Arbeitszimmer sind mit guten Mahagonimobeln ausgestattet; in Schau- kasten und Rahtnen sieht man gute alte Drucke, Schriftproben,Holzstocke usw., sowie neue Arbeiten der Firma, und den Ma- schinensaal ziert ein an- tikes Relief im AbguG, wie unsre Abbildung zeigt. Auch in der Alten Welt ist gewiG eine so liebe- volle, personliche Pflege kunstlerischenGeistesim Gewerbe nicht eben haufig zu finden, und das Ganze wirkt um so iiber- raschender, als man der- Druckersaal der Merrymount Press, Boston gleichen gerade in Amerika doch eigentlich gar nicht erwartet. Die Erzeugnisse der Merrymount Press: schone Biieher, Akzidenzen, Musiktitel usw., sind ja auch bei uns nicht unbekannt, und Einiges habe ich wieder fiir unser Museum davon mitgebracht. Zum ersten Male sah ich hier Frauen beim Setzen und Manner beim Anlegen beschaftigt, fiir unser Ge- fiihl eine verkehrte Welt, dochgewohnt man sich rasch daran. Sehr eigenartig war sodann ein Besuch beim alten Herrn Louis Prang, dem Begriinder der bekannten chromolithographischen Anstalt L. Prang Co., die sich jetzt, nachdem er sich vom Geschaft zu- riickgezogen, mit einem andern Hause vereinigt in Springfield Mass. befin- det. Seine prachtvollen Arbeiten sind bei uns wohlbekannt; in seinem Hause, wo er mich gast- lich aufnahm, lernte ich namentlich seine hochst minutios ausgearbeiteten und systematisch durch- gedachten Farbenskalen und die zum Teil auf die Initiative seiner Gattin zuruckgehenden Kunster- ziehungsbiicher kennen, die mich wegen unsrer verwandten Bestrebun gen in Deutschland leb- haft interessierten. Ich S3 427 2)

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1904 | | page 39