ARCHIV FUR BUCHGEWERBE Die SchriftgieBerei im Jahre 1904. als einer unentbehrlichen Beihilfe ausgiebiger kiinst- lerischer Retusche und erzielt damit Effekte, die ohne solche nie moglich sind. Hier, sowie bei der Ver- vielfaltigung von Klischees fiir Drei- und Mehrfarben- druck wird die Albertsche Erfindung vor allem mit vollstem Erfolge einsetzen. Mit vieler Genugtuung kann die fortgesetzte Ver- mehrung und Ausgestaltung des Unterrichtswesens fiir das Buchdruckgewerbe konstatiert werden, wie nicht minder, daB man allseits bestrebt ist, dasselbe stets ernster, tiefer und gediegener zu gestalten. Unter- stiitzt wird die reine, theoretische Lehrmethode von dem Streben der technischen Vereinigungen durch Abhaltung von Kursen, Vortragen usw. Allmahlich bricht sich auch die Erkenntnis Bahn, dafi so segens- reich die Fachschulen fiir die heranwachsenden Jiinger Gutenbergs dernaheren und ferneren Zukunft sein mogen, die derzeit im praktischen Betrieb stehenden „Alteren" davon wenig profitieren konnen. Es fehlt fiir diese an einer ausgesprochenen Lehr- statte, um sie teilnehmen lassen zu konnen an den Fortschritten der Gegenwart. Die erwahnte Ver- einstatigkeit, ganz besonders aber die Einfiihrung sogenannter „Meisterkurse", welche in einigen Stadten Deutschlands bereits abgehalten wurden, sollen diese Bresche zum Teil ausfullen. Wenn da mit auch nicht alles mit einem Schlage erreicht werden kann, so wird manches erreicht werden und dies ist jedenfalls freudigst zu begriiBen. Man darf eben nicht iibersehen, was Kunst und Technik dem Buch- gewerbe wahrend der letzverflossenen Jahrzehnte alles gebracht haben, und wie sehr davon gerade der Buchdrucker beriihrt wird. Durch das Eingreifen der bildenden Kunst hat sich nicht nur samtliches Schmuckmaterial des Buchdrucks der gegen- wartigen Kunststromung Rechnung tragend griindlich geandert, es sind auch die Anschauungen iiber die Herstellung des Buches und der Druck- sachen den taglichen Bediirfnissen dienend, wesent- lich andre geworden. Diesem ohne ausgiebige Nach- hilfe oder mindestens Anregung zu folgen, sind nur einige wenige imstande, nicht aber die groGe Mehr- zahl, welche zuriickbleiben muG. Dabei kommt natur- lich viel auf die Methode an, wie gelehrt wird. Und da erscheint es im gegenwartigen Stadium der er- wahnten Meisterkurse ein gliicklicher Gedanke ge- wesen zu sein, vorlaufig den kritisierenden Weg ein- zuschlagen und vor allem Nachdruck auf dieDarlegung des Minderwertigen und Schlechten zu legen und dies ausreichend zu begriinden. Denn zweifellos gibt es neben dem Glanzvollen auch Minderwertiges und Schlechtes im deutschen Buchgewerbe, entstanden durch die jagenden Konkurrenzverhaltnisse, Unkennt- nis, oder zu starkem Hangen an veralteten Anschau ungen, gegen das anzukampfen eine Ehrensache ist. Die erwahnte Lehrmethode fiihrt aber zweifellos in ihrem Endziel zunachst zu der Erkenntnis, daG eine Sache schon sein kann, auch wenn sie sich vollstandig loslost von durch nichtsgerechtfertigten Anschauungen und Prinzipien, und daG sie in diesem Falle nicht nur einen hohen Grad von Schonheit oder mindestens gelauterten Geschmack, sondern auch einen gewal- tigen Fortschritt bedeuten kann. Und so kann die Jahresbilanz neuerdings mit einer Anzahl von wertvollen Fortschritten praktischer und idealer Natur abgeschlossen werden. Sie reihen sich wiirdig an die friiheren, unter deren Zeichen das deutsche Buchgewerbe stets siegreich gewesen, wo es auftrat. Kaum ein besserer Beweis konnte dafiir erbracht werden als das zur Ruste gehende Jahr. Die deutschen Buchdrucker, an derSpitze ihre hoch- angesehene, wohlgepflegte und kunstlerisch geleitete Reichsdruckerei haben deutsche Druckkunst hiniiber- getragen iibers Meer, zu einem tatkraftigen, auf hoher Kultur stehenden Volke, dem die Kunst Gutenbergs vieles Schatzenswerte zu danken hat. Sie sind heim- gekehrt reich bekranzt mit Lorbeer, voll an Ehren! Moge es immer so bleiben und moge das zielbewuGte Streben zur Veredlung der schwarzen Kunst nicht er- lahmen, sie ist des SchweiGes der Besten wert! Von FRIEDRICH BAUER, Hamburg. EIN Jahr ist in der Geschichte eines Gewerbes eine zu kurze Zeitspanne, um auffallige Ver- anderungen erkennen zu lassen. Wer den in der Natur der Arbeit begriindeten bedachtigen Gang der Neuheiten-Erzeugung der SchriftgieBerei kennt, der ist iiber die geringe Anzahl wirklicher Neuheiten nicht verwundert; wer weifi, welche unendlicheMiihe und Sorgfalt auf originale Schopfungen verwendet werden miissen, bis die ersten Proben aus dem Hause gehen konnen, der versteht auch, warum jene so selten sind. Das Heer der Nachahmer, das regel- mafiig iiber jede aussichtsvolle Neuschopfung herfallt, ist um so behender, es kann schneller fertig werden, da die beabsichtigte Wirkung ja von andern aus- probiert war. Der Wunsch vieler Fachleute, daG den oft sehr dreisten Nachahmern einmal energisch auf die Finger geklopft werden mochte, ist im letzten Jahre in zwei denkwiirdigen Fallen erfiillt worden. Die entsprechende Wiirdigung dieser beiden Falle mufi freilich einer spateren Zeit vorbehalten bleiben; 6S 443 23

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1904 | | page 67