archiv fur buchgewerbe ammmmmmmmm Die Lithographie und der Steindruck im Jahre 1904. Von Direktor C. SCHLIEPER, Leipzig. BEIM Riickblick auf das verflossene Jahr drangt sich die Frage auf, ob denn wohl diegehegten Wiinsche in Erfiillung gegangen sind, welche am Anfang des Jahres laut wurden. Nun, man hat fleifiig gearbeitet in alien Zweigen der Technik, um in deren Verbesserung und Vervollkommnung das Hochste und Beste zu erreichen. Die Arbeitsfreudigen in ihrem Berufe durften wohl auch Gelegenheit ge- funden haben, ihre Krafte dadurch zu entfalten, dafi sie lohnende und dauernde Auftrage zur Ausfiihrung brachten. Moge es auch ferner so sein. Wirkliche Neuerungen sind in diesem Jahre wenig zu verzeichnen, dagegen aber manche Vervollkomm nung und Verbesserung. Der Anfang fast aller lithographischer Arbeiten ist die Skizze. Darum mag auch hier ein Gutachten der Leipziger Handelskammer erwahnt sein, das in einem Streitfalle abgegeben worden ist und von allseitigem Interesse sein kann. Plakatentwiirfe sind nach Han- delsgebrauch dann angemessen zu bezahlen, wenn der Ausfiihrende sichnicht selbst zurHerstellung an- geboten, sondern hierzu einen Auftrag erhalten hat. Dies gilt auch dann, wenn eine Preisvereinbarung nicht stattfand; es gilt anderseits aber nur, wenn der weitere Auftrag zur Herstellung des Plakates auf Grund des Entwurfs nicht erteilt worden ist. Die Plakatkunst hat weitere Fortschritte gemacht. Tiichtigen kiinstlerischen Kraften ist es zu verdanken, daB gleich von vornherein ein fur wenig Farben be- stimmtes Sujet angefertigt wird, das trotz wenig Mittel sehr effektvoll ist. Dies diirfte entschieden der rich- tige Weg sein, um den Interessenten fur verhaltnis- maBig geringe Kosten eine wirkungsvolle Reklame zu liefern, denn die lithographische Herstellung des Originals ist durch die fliichtige Veranlagung der Zeichnung leicht und billig wiederzugeben. Wenn man glaubt, das Publikum habe kein Verstandnis fiir ein kiinstlerisches Plakat, so ist man im Irrtum. Vorstehendes Prinzip erstreckt sich auch auf Ka- talogdecken und Titelblatter und zwar nur zum Vor- teil der guten kiinstlerischen Richtung. Ob der Grund- satzderEinfachheit aber immer den lithographischen Klein-Arbeiten zum Vorteil gereicht, mochte ich da- hingestellt sein lassen, denn auf diesem Gebiete tritt oft eine groBe Geschmacklosigkeit zutage, die ihre Griinde darin haben mag, daB unsre lithographische Jugend weniger akademische Erziehung genieBt und im Nachahmungstrieb leider arge Geschmacksver- bildung zeitigt. Natiirlich gibt es auch hier, wie iiber- all, ruhmvolle Ausnahmen und man sieht von Zeit zu Zeit ganz prachtige Merkantil-Arbeiten. Ein ebenso interessantes, wenn auch nicht ganz neues Druckverfahren ist die Gigantographie, bei der es sich um photographische Reproduktionen handelt, die unter Benutzung verschiedener Linien- und Korn- raster hergestellt werden. Der Hauptzweck dieses patentierten Verfahrens ist, auf billigem Wege nach jeder beliebigen Photographie oder Tuschzeichnung usw. Wiedergaben zu erzielen, durch welche ein gut Teil Lithographie entbehrlich gemacht wird. Mit der Gigantographie werden Bildwirkungen erzielt, die in reiner Lithographie in so kurzer Zeit kaum zu erreichen sein durften. Als weiterer Vorzug kommt nochhinzu, daB derDruck auf der Steindruckpresse die bestimmte regelmafiige Kornplatte noch sehr fordert. Interessant ist der Druck auf Gelatine, bei dem aber schon bei der Anfertigung der Lithographie Riick- sicht darauf zu nehmen ist, daB sie geniigend kraftig ist. Ferner sind beim Druck keine Lasur-, sondern Deckfarben zu verwenden, welch letztere sehr fest und zah sein miissen. Die Ergebnisse dieses Druck- verfahrens sind eigenartig und lohnend. Auf die bereits im vorigen Jahre erwahntenRelief- pragungen mit gleichzeitigem farbigen Druck mochte ich auch in diesem Jahre, obwohl sie mehr Buch- binderarbeit sind, doch wieder hinweisen, weil sie gewissermaBen in die Interessen des Steindruck- gebietes eingreifen. Mit diesem Verfahren werden Erzeugnisse geliefert, die auf dem Reklamegebiet eine bedeutende Rolle spielen, was fur den Steindrucker wohl zu beachten ist. Die Ergebnisse in dieser Ma- nier sind zufriedenstellende, zumal schon haufig der Versuch gemacht worden ist, helle Farben auf dunk- les Papier zu drucken, was bekanntlich weder im Steindruck noch im Buchdruck in einwandfreier Weise zu erzielen ist. Unter den modernen Hilfsmitteln der Lithographie spielt entschieden die Aufrasterung mittels Tangier- platten eine hervorragende Rolle. Die Behandlung dieses sehr dankbaren Negativverfahrens ist in den Fachblattern mehrfach beschrieben. Eine Anwen- dung dieses Verfahrens ist zu empfehlen, da die Er gebnisse iiberraschend und in vielen Fallen sehr gut zu verwerten sind, namentlich zur schnellen Her stellung billiger Farbplatten. Wie friiher unter den Kiinstlern nationale und in- ternationale Wettbewerbe zur Erlangung kiinst- lerischer Plakate veranstaltet wurden, so hat in diesem Jahre unter den Berliner Lithographen ein Wettbewerb stattgefunden zur Erreichung von Ent- wiirfen fiir Festdrucksachen. Es freut mich, sagen zu konnen, dafi einzelne Teilnehmer an dem Wett bewerb recht tiichtige anerkennenswerte Leistungen hervorbrachten, die mit Preisen und auch lobenden IS 445 23 63

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