ARCHIV FUR BUCHGEWERBE Der lithographische Kreidedruck. Von JOHANN MAI, Tilsit. DURCH Alois Senefelders Erfindung derLitho- graphie und des Steindruckes wurde der bis dahin in hoher Bliite stehende Kupferstich fast ganz verdrangt, denn die leichtere Bearbeitung des Solnhofener Natursteines durch den Kfinstler, sowie die grofie Fettempfindlichkeit dieses Steines fiir die lithographische Tusche und Druckfarbe, der leichtere und einfache Hergang beim Druck, sowie fiberhaupt die neue Art des chemischen Flachdruckes waren von so ausschlaggebender Bedeutung, daB sich ein groBerTeil der Kupferstecher der Steinzeichnerei zuwandten. Die Erfindung des Zeichnens mit fetter Kreide auf gekorntemodergerauhtemSteinefalltin das Jahr 1799. Der Vorteil der lithographischen Kreidezeichnung liegt darin, dafl der Kunstler mit der fetten Kreide fast ebenso rasch auf der gerauhten Steinflache zu arbeiten imstande ist wie auf derartigem Papiere. Die Kupfer stecher hatten allerdings schon lange vor der Erfin dung derLithographie mittels der Schabkunst kreide- ahnliche Bilder hergestellt, doch war die Arbeit aufierst miihsam, ferner lieB eine derartige Druck- platte keine hohe Auflage zu. Dagegen konnte vom gekornten Steine jede Auflage gedruckt werden, ohne eine Abnutzung der Kreidezeichnung befiirchten zu miissen. Die Schabkunst des Kupferstechers war fiir Senefelder der Ansporn zu Versuchen, mittels des gekornten Steines die gleichen Ergebnisse zu erhalten, mit dem Unterschiede, daB die auf dem Steine befind- liche Kreidezeichnung nicht schwand, der Flachdruck auch viel schneller vonstatten ging, als dies von der gekornten oder gegriindeten Kupferplatte als Tief- druck moglich war. Der Kreidedruck vom Steine hat sich in derFolge- zeit nach der Erfindung verhaltnismafiig rasch ein- gebiirgert, da Senefelder seine Neuerungen soweit ausbaute, daB die ganze Technik fix und fertig aus- gedacht der Nachwelt iiberlassen wurde. DieBehand- lung der Steine vor und wahrend der Bearbeitung durch den Kunstler, die chemische Praparation und der Fortdruck, kurz alle diese Vorschriften oder Regeln, wie sie heute noch von den Steindruckern beobachtet und angewandt werden, sind schon von Senefelder in seinen Lehrbfichern fiber den Stein- druck festgelegt worden. Da die Kreidezeichnung auf dem Steine dem Kfinst- ler eine aufierst freie Entfaltung seiner Geschicklich- keit und Gewandtheit zulieB und ihn in die Lage ver- setzte, den Zeichnungen den Charakter von Halbton- bildern zu geben, die der Natur oder der Sache mehr entsprechen als in der Strichmanier des Kupferstichs, so konnte die weitere Verbreitung des Kreidedruckes nicht ausbleiben. Tatsachlich wurden fast alle Bei- lagen der mit Bilderschmuck ausgestatteten Bficher als Kreidebilder vom Steine gedruckt, ebenso die Kunstblatter als Einzelausgaben. Das Portrat, die Nachbildung von Gemalden, Stadteansichten, ge- schichtliche Szenen, Notentitel, Landschaften usw., fiberhaupt die Mehrzahl aller Abbildungen wurden auf gekorntem Stein ausgeffihrt und in Steindruck hergestellt. Mit der Wiedereinffihrung und Vervollkommnung des Holzschnittes ging allerdings im Laufe der Jahre die Kreidelithographie mehr und mehr zurfick, sie wurde vom Illustrationsfache verdrangt, so daB sich die Lithographie der merkantilen Gravierung oder dem Bunt- und Chromodrucke zuwenden muBte. Aus diesem Grunde ist die Behandlungsweise des Stein- kornens, das Zeichnen, und die chemische Praparie- rung der Steine durch die Drucker insoweit der Ver- gessenheit anheimgefallen, als die jfingere Generation der Lithographen und Steindrucker fiber das ganze Verfahren nur lfickenhaft unterrichtet ist. In neuerer Zeit macht sich dagegen unter der Kfinstlerschaft das Bestreben geltend, den gekornten lithographischen Stein direkt fiir die Zeichnung zu benutzen. Ein Beweis hierffir sind die Kfinstlerstein- zeichnungen, welche vermoge ihres aufierst gefalligen Aussehens das berechtigte Interesse aller Kreise er- regen und finden. Der fiir die Kreidearbeit zu wahlende Stein darf keine Adern, Kalk- oder Rostflecken, noch sonstige Unreinheiten haben. Er wird durch Schleifen mit Sand derart egalisiert, dafi er eine vollkommen gerade Flache erhalt, die mit Bimstein nach und nach so glattgeschliffen wird, wie fiir Gravurarbeiten; Risse oder Schrammen dfirfen nicht vorhanden sein. Von einer frfiheren auf dem Steine befindlichen Arbeit darf beim Anhauchen keine Spur mehr sichtbar her- vortreten, denn diese Teile wfirden mitunter Farbe annehmen, wodurch die ganze Kreidezeichnung sich nachtraglich als unbrauchbar erweisen wfirde. Auf ausgiebiges Schleifen mit Sand und Bimsstein ist demnach besonderer Wert zu legen. Zum Sandschleifen nimmt man gut durchgesiebten Sand. Grober, korniger, ungesiebter Sand arbeitet leicht Locher oder Gruben in den Stein. Gegen Ende der Arbeit wird mit dem sogenannten Schliffe nach- geschliffen, wodurch das grobste Korn entfernt, das Bimssteinschleifen abgekfirzt, der Stein aber schneller glatt und fertig wird. Nach Beendigung des Sand- schleifens werden die Steinkanten mit der Feile ab- gerundet, dann erst wird mit Bimsstein das Schleifen beendet. Das Kornen des geschliffenen Steines und 53

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1906 | | page 17