ARCHIV FOR BUCHGEWERBE Wischers gedreht, dessen Spitze mit dem Terpentin angefeuchtet und die Zeichnungsstelle sauber aus- gewaschen. Der Wischer ist offers auszuwechseln, damit stets mit reiner gefeuchteter Leinwand der letzte Kreiderest hinweggenommen wird. Zu achten ist darauf, daG das Terpentin nach dem Auftrocknen auf dem Steine keine sichtbare Grenze hinterlaGt, denn solche Rander zeigen sich spater, wenn auch nur ein ganz geringer Teil der fetten Kreide geblieben ist, auf den Abdrucken. Wenn groGere oder kleinere Flachen recht gleich- maGig oder in verlaufenden Tonen auf dem Steine anzulegen sind, dann wird die sogenannte Wisch- manier angewandt, die nach einiger Ubung recht gut von der Hand gehen wird. Ich rate jedoch jedem, der in der Kreide- bzw. Wischmanier unkundig ist, zunachst auf den kleinen zum Kornen benutzten Stein versuchsweise flache Schatten, Wolkenpartien und verlaufende Tone aufzuwischen und diesen Stein vom Drucker atzen zu lassen. Ein Abzug wird zeigen, ob und welche Fehler gemacht wurden, sowie vor Augen fuhren, daG Abdriicke von gewischten Kreideplatten wesentlich dunkler aussehen, als gezeichnete. Es darf daher eine Arbeit niemals zu kraftig ausgefuhrt werden. Zum Wischen wird franzosische Wisch- kreide (Estompe) genommen, die zunachst auf ein kleines Brettchen aufgetragen wird. Ein Leder- oder Leinenlappchen oder ein Stuckchen Filz usw. wird tiber den Finger gestreift, mit ihm iiber die auf dem Brettchen aufgetragene Wischkreide gefahren und dann der Stein bearbeitet. Die Arbeitsflache des Wischers darf aber keine Falte oder Naht haben, weil sonst leicht Streifen oder Flecken entstehen. Nach einiger Ubung wird es dem Zeichner gelingen, selbst solche kleinste Partien in abgestuften Schatten- lagen zu erzielen, die mit der direkten Kreidespitze nicht herstellbar sind. Die Tone, Wolkenpartien, der Himmel, kurz alle nur denkbaren Schattierungen lassen sich mittels der Wischmanier in der verhalt- nismaGig kiirzesten Zeit geben. Die kraftigsten Stellen werden erst mit der Spitzkreide vorgearbeitet, weil durch das darauffolgende Wischen die Pause unkenntlich gemacht wird. Die vorgezeichneten Stellen leiden keinesfalls, hochstens werden sie etwas kraftiger. Die hellsten Lichter werden daher nach vollendetem Wischen ausgeschabt. Die mit Tusche vollgedeckten Flachen oder die hochsten Lichter, z. B. freibleibende Schildformen, werden bei Farbplatten mit einer vorher durch ein sauberes Lappchen gepressten Gummilosung tiber- zogen, Nach vollkommenem Trocknen dieser Ab- deckung wird die iibrige freie Flache, je nachdem die Farbe spater lichter oder kraftiger wirken soil, entsprechend iiberwischt. Alle andern vorher mit der Spitzkreide oder der Tusche eingezeichneten, nicht mit Gummilosung abgedeckten Stellen konnen unbesorgt mit der Wischkreide iiberarbeitet werden. Wenn die lithographische Tusche nicht zu weich ist, dann ist kein Verschmieren oder Unscharfe dieser Stellen zu befiirchten. GroGe Tonflachen werden durch kreuzweises Uberwischen zu verstarken ge- sucht, wobei mit dem Wischer ziemlich kraftig ge- arbeitet wird. Der Ton erhalt dadurch einen festen Halt auf dem Steinkorne und kann nicht mehr zuriick- gehen. Gewischte Original- oder Farbenplatten sind bedeutend druckfahiger als solche, die einfach mit der Kreidespitze hergestellt werden. Sie sehen im Druck viel ruhiger, satter und gleichmaGiger aus. DerAnfanger ist jedenfalls mehr befriedigt, als wenn er, was ihm auGerst schwer gelingt, den Versuch macht, groGe Flachen ohne Wischen zu schattieren. Im Falle sich einzelne schwarze Punkte ergeben, was anfangs hin und wieder auftritt, so werden diese mit der Nadel nach der vollendeten Wischarbeit auf- gestochen. Die chemische Preparation des Steines durch Atzen ist von der bei andern lithographischen Ar- beiten iiblichen Methode so verschieden, daG eine in dieser Art geatzte Kreidezeichnung bzw. die Platte verdorben werden wurde. Um einen Kreide- stein richtig zu atzen, muG der Steindrucker den Lithographen dariiber befragen, ob die Arbeit mit fetter oder magerer Kreide ausgefuhrt wurde, ob der Stein von harter oder weicher Qualitat ist usw. Nach diesen Gesichtspunkten ist die Atze zusammen- zusetzen unter gleichzeitiger Beachtung, ob die Kreidezeichnung grober oder feiner, das heiGt auf einem groben oder einem feingekornten Stein aus gefuhrt wurde. Wenn die Zeichnung zum teil in Wischmanier hergestellt, oder viel geschabt wurde, dann muG z. B. der Stein kraftiger geatzt werden. Die fertige Kreidezeichnung wird sauber abgestaubt, unter Benutzung von frischer neuer Watte mitTalkum (FederweiG) eingepudert, dann abermals abgestaubt und zur Atzung gegeben. Die Atze stellt man sich aus frisch gelostem echten Gummiarabikum her. Die Losung wird durch Leinwand gepreGt, um Sand und Schmutz zuriickzuhalten. Zu 250 g Gummi losung, die ziemlich dick sein muG, werden beilaufig 10 bis 12 Tropfen Salpetersaure gegeben; bei kraftiger oder gewischter Zeichnung oder bei Ver- wendung eines Steines harterer Qualitat, werden 15 Tropfen Salpetersaure zugesetzt. Die Atze soli sauerlich schmecken, aber auf der Zunge nicht brennen. Die Atze wird so langsam durchgeruhrt, daG keine Blasen entstehen und dann am Rande des Steines mit einem flachen weichen Atzpinsel probiert. Der Stein wird nun moglichst schnell und gleich- maGig iiberstrichen, damit die Atze uberall ohne Streifenbildung und so schnell als moglich verteilt wird. Da die Atze maGig aufbrausen wird, so wird mit dem Atzpinsel so lange und ganz leicht iiber die 55

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1906 | | page 19