ARCHIV FUR BUCHGEWERBE 61 anfertigen wiirden, dafi sie keine porosen Stellen auf- weisen, aus welchen sich Luft entwickeln kann. W. SchrlftgieBerei. Paul Lang, Schriften und Ornamente. Schrift gieBerei Flinsch, Frankfurt a. Main, St. Petersburg. Mai 1905. Die Schrift eines Kiinstlers, der sich eines guten Rufes erfreut und trotzdem keine kiinstlerische Schrift keine kiinstlerische Schrift, weil uns, nachdem Peter Behrens seine Schrift geschaffen, viel geboten werden mufi, wenn wir das Pradikat „kfinstlerisch" erteilen sollen. Was gab uns doch diese Schrift von Peter Behrens? Sie gab „Gotik", liefS denken an jene Zeit, in der deutsches Wesen so vollendeten Ausdruck gefunden, und sie gab doch auch etwas von der Sehnsucht nach der Antike, von der Sehnsucht, die nicht stirbt, klassisch gelauterte Gotik gab uns die Schrift von Peter Behrens, einen Aus- blick auf das Ziel, das wir in allem erstreben. Nach solchem Beispiel an verwandte Arbeit zu gehen, dazu ge- hort Mut und Kraftgeffihl. Den Mut hat Lang gehabt. Ob aber auch zum Gelingen die Kraft? Um es von vornherein zu sagen: seine Schrift kann einen Vergleich mit der von Behrens auch nicht im entferntesten aushalten. Selbst bei heruntergeschraubten, sehr heruntergeschraubten An- spriichen kann sie nicht bestehen. Langs Schrift interessiert schon deshalb nicht sehr, weil sie an dem Problem, das ich andeutete, das Behrens so kraftvoll angepackt hat, voriibergeht. Sie ist kein kiihner VorstoB, sondern lediglich eine Modifizierung und zwar eine schlechte Modifizierung der Antiqua. Der Vorrede des Probeheftes nach sind die Buchstaben mit demPinsel gezeichnet. Eine mit dem Pinsel gezeichnete Antiqua, (oder sagen wir besser) eine moderne Pinselschrift, die von der Antiqua ausgegangen, besafien wir bereits. Eck- mann (seine Schrift meine ich natiirlich) hat ja selber gesagt, dafi die Antiqua die Basis fur seine Schrift gewesen. Aber wohlgemerkt: nur die Basis. Das Ergebnis ist etwas vollig andres. Dieser Kiinstler, dem die fliefiende Linie fiber alles ging, fur den der bewegliche, flflssige Pinsel das gegebene Ausdrucksmittel war, konnte und wollte nicht eine Antiqua schaffen. Antiqua und Pinsel, sind es nicht eigentlich Gegensatze? Was Eckmann wollte und konnte, war eine moderne Schrift, eine moderne Pinselschrift. Und in demWorte „modern" ist es einbegriffen, dafi, wenn Eckmann auch die Antiqua als seine Basis bezeichnete, er doch in gewisser Weise (man mochte vom biogeneti- schen Grundgesetz reden) in sich selber all die Wand- lungen durchmachte, die einst in langem Werdeprozefi aus der Antiqua, (oder sagen wir besser) aus der friih- mittelalterlichen Schrift die gotische, deutsche werden liefien. Im Gesamteindruck jedenfalls ist die Eckmann- schrift mehr deutsch als lateinisch. Sie ist, wie bereits gesagt, aber nun wohl deutlicher geworden, eine moderne Pinselschrift. Eine Pinselschrift. Und darin steckt das Bedenkliche an ihr. Man darf es bezweifeln, ob der Pinsel bei derType, der Schrift, zumal wenn es sich um Werkschriften handelt, fiberhaupt im Rechte ist. Wenn wir von Schrift reden, so denken wir in erster Linie doch immer an dieFeder. Auch von der Druckschrift verlangen wir Federcharakter. Der Federduktus ist, abgesehen von den rein geistigen Faktoren, das tonangebende Prinzip, der Stempelschnitt dagegen> den Eckmann betont, doch nur mehr eine Angelegenheit der Vervielfaltigungstechnik. In ihrem Pinselcharakter ist es auch begrfindet, dafi uns die Eckmanntype auf die Dauer und vor allem im Werksatz nicht gefallen will. Aber hiervon abgesehen ist und bleibt sie eine hervor- ragende Leistung, allgemein wegen des starken modernen Empfindens, das sie bekundet, dann aber nicht zum wenigsten wegen der konsequenten Durchffihrung des Schreibinstrumenten-Duktus, in diesem Falle des Duktus des Pinsels. Kiinstlerische Absicht und technisches Mittel stehen bei der Eckmannschrift im besten Einvernehmen. Es hiefi vorhin, dafi die Langschrift an die von Behrens, die hervorragendste neuere Leistung auf unserm Gebiete, nicht im entferntesten heranreiche. Aber auch mit der Eckmannschrift, mit der sie denWorten des Zeichners nach doch am meisten Verwandtschaft aufweisen mfifite, kann sie sich nicht im mindesten messen. Sie ist, wie gesagt, eine modifizierte und zwar schlecht modifizierte Antiqua. O, heiliger Jenson, wenn dir diese „AntiquaM zu Gesichte kame! Von einer Einheitlichkeit (wfirde vom Pinsel nicht eigens gesprochen, man wfirde nicht daran glauben), also von einer Einheitlichkeit keine Spur es sei denn, dafi man Einheitlichkeit in einem durchgehenden Mifiverstande erblicken will. Dieser Mifiverstand liegt in folgendem. Um seinen Buchstaben einen moglichst geschlossenen Charakter zu geben, hat Lang sie, wie das ja auch sonst geschieht, in Rechtecke gezeichnet. Aber er hat sich aus dem Schema nicht zur Freiheit aufzuschwingen vermocht. Diese innere Geschlossenheit, dieses innere Gleichgewicht ist auf die aufierliche Weise, die dem Zeichner beliebt hat, niimlich von den Begrenzungslinien der Hilfsrechtecke so viel in die Buchstabenkonturen aufzunehmen, als sie es einigermafien ertragen, wirklich nicht zu erreichen. Man werfe einen Blick auf die Formen des o, des grofien C und der andern Buchstaben mit ihren unausstehlichen Ecken und Eckchen, und manwird sehen, wie diesen Buchstaben alle Einheitlichkeit des Duktus fehlt, wird sehen, wie den Konturen dieser Buchstaben alles das vollig mangelt, was man innere Parallelitat nennen konnte. Auf kleinere Ver- fehltheiten einzelner Buchstaben will ich hier nicht weiter eingehen. Die Schrift als Ganzes ist ein einziger grober Fehler. Was die Ornamente betrifft, so glaube ich, dafi sie ihren Namen mit Unrecht tragen. Es ist wirklich schwer zu begreifen, wie ein Mensch von Geschmack so entgleisen konnte. Die Erklarung liegt in der Einseitigkeit des Kiinst lers. Seine Starke ist die Farbe. Er ffihrte sich ein mit Textilien, Kissen, Decken, Vorhangen, Teppichen, in der Farbe recht geschmackvoll, in der Form der Orna mente allerdings oft und sehr versagend. Im weiteren Rahmen von Interieurs, die er ffir Magdeburger Kunst- freunde arbeitete, ward das, Starke und Schwache, jioch deutlicher. Dies Talent, so ganz und gar auf Farbe gestellt, mufite beim Schriftschaffen, wo nichts auf die Farbe, alles auf die Form ankommt, notwendigerweise versagen. Man versteht es nicht, wie der Kiinstler den Auftrag fibernehmen konnte: er mufite sich fiber die Grenzen seiner Begabung doch einigermafien klar sein. Man versteht aber auch nicht den Auftraggeber, den Schriftgiefier, der derartig verfehlte Entwiirfe in die Praxis zu bringen ffir gut befindet. Sowohl Kiinstler wie auch Praktiker haben es hier an dem Ernste fehlen lassen, den wir unbedingt verlangen. Erich Willrich.

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1906 | | page 25