ARCHIV FUR BUCHGEWERBE Schriftprobenschau. Vor mir liegt ein Neuheitenheft der Schriftgiellerei C. F. Riihl in Leipzig, das in dem jetzt iiblich werdenden Vorwort folgende Satze enthalt: „Die neuzeitliche Richtung im Buchdruck wandelt die Bahnen der Antike. Sie hat sich die Meisterwerke unsrer Alt- vorderen zum Vorbild genommen und strebt an, den fiber- feinerten Geschmack unsrer Fachgenossen wieder zu ver- einfachen und umzubilden nach der Art, wie unser Altmeister gearbeitet und so Herrliches geschaffen hat. Zweifellos hat diese praktische Geschmacksrichtung viele Anhanger gefunden und auch mir Veranlassung gegeben, derverehr- lichen Buchdruckerwelt in der Original-Breitkopf-Fraktur und alten Schwabacher zwei Schriftarten zu prasentieren, die ihres antiken Schnittes wegen jeder Druckarbeit der heutigen Richtung zur Zierde gereichen." Was der Ver- fasser mit diesen Worten sagen will, ist mir unverstandlich. Ich glaube, es wird wohl noch manchem so gehen. Die Antike, in diesem Fall die Meisterwerke unsrer Altvorderen, wird mit der neuzeitlichen Richtung in einen Zusammen- hang gebracht, der erkennen laCt, dafi der Verfasser des Vorwortes fiber die Begriffe „Antike" und „Neuzeitliche Richtung" nicht ganz im klaren ist. Noch mehr wurde ich in dieser Annahme bestarkt, als ich sah,welcheErzeugnisse auf das Vorwort folgen. Die prachtige Breitkopf-Fraktur, die Mitte des 18. Jahrhunderts entstand, sowie die alte Schwabacher, deren etwa gegen Ende des 18. Jahrhunderts gefertigten Originalstempel sich meines Wissens im Besitze der Firma Zenker in Nfirnberg befinden, haben doch mit der Antike, den Meisterwerken unsrer Altvorderen, gar nichts zu tun. Beide Schriften wurden geschaffen, als die Druckkunst im argsten Verfall lag, also in einer Zeit, in der von Meisterwerken nicht viel zu spfiren war. Dafi die klas- sisch-schone Breitkopf-Fraktur und die kraftige hfibsche Schwabacher aber trotzdem in jenen Zeiten geschaffen und sich auch in unsre heutige, durch viele Neuheiten und Modesachen fibersattigte Gegenwart hinfibergerettet haben, das ist mehr denn erfreulich. Aber Gegenfiberstellungen wie in den Satzen des Vorwortes sind nicht angebracht. Sie verwirren mehr, als sie Gutes schaffen. Den beiden Schriften ist nach meiner Ansicht ein ganz bestimmter Kreisgezogen,daher deren Verallgemeinerungimmodernen Sinne verfehlt. Die Firma Breitkopf Hartel, aus deren Werkstatten die Breitkopf-Fraktur vor etwa 150Jahren her- vorging, hat die Schrift mit Schmuck aus derselben Zeit schon wiederholt recht glficklich verwendet, dabei aber auch auf passendes Papier und kraftige Farben Bedacht genommen, so dafi die fertigen Arbeiten auch in unsrer jetzigen Zeit als modern und kfinstlerisch gelten. Das kann von den Anwendungen in dem Probeheft der Rfihlschen nicht gesagt werden. Die Breitkopf-Fraktur vertragt keine moderne Zutaten, am allerwenigsten aber die von der Firma C. F. Rfihl geschaffene und angewandte Empire-Einfassung. Dieser Schmuck ist viel zu geleckt, zu sfifllich, um zu der knorrigen Fraktur zu passen, die in ihrer kfinstlerischen Eigenart allein weit besser und vornehmer wirkt. Warum die Einfassung eigentlich „Empire-Einfassung" heiflt, ist mir ebenfalls nicht klar. Von der Eigenart dieses Stils ist nichts zu spfiren, es scheint daher, als ob der Name „Empire" die Hauptsache sei. Weit besser, wenn auch nicht mustergfiltig, sind die zum Teil guten Empire-Vig- netten, die in demselben Neuheitenheft gezeigt werden. Aus diesem weht doch etwas vom Geist des Empire und ich finde es unbegreiflich, dafi dieser Schmuck nicht mit der Breitkopf-Fraktur verwandt worden ist. Die Wirkung, sowie das Zusammenstimmen von Schrift und Schmuck ware sicher eine bessere. Die Anwendung der alten Schwa bacher mufl ich gleichfalls ungfinstig beurteilen. Auch diese vertragt keine konstruierten Linienrahmen, wie solche in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts Mode waren, noch viel weniger aber darf sie in unzeitgemaflen, architektonischen Fassaden-Nachbildungen Aufnahme fin- den. Die alte Breitkopf und die alte Schwabacher sind prachtige Schriften, mit deren Anschaffung keine Druckerei einen Fehler macht. Der Firma C. F. Rfihl gebfihrt daher auch unumwundene Anerkennung daffir, dall sie dem Buch- drucker die beiden wertvollen Schriften vermittelt. Aber bei den Schriftgieflereien wird vorausgesetzt, dafi sie ihre Erzeugnisse in einer stilgerechten Anwendung vorffihren. Dies mufl aber verlangt werden, wenn eine Schriftgieflerei in einem Vorwort redet von den „Meisterwerken unsrer Altvorderen", sowie von der „Vereinfachung und Umbil- dung desfiberfeinerten Geschmacks unsrerFachgenossen". Ein viel gfinstigeres Urteil kann ich fiber ein Heftchen fallen, das von der Firma./. G. Schelter Giesecke in Leipzig stammt und die Bezeichnung Biedermeierzierat" tragt. In den von den Leipziger Kfinstlern G. Belwe, M. Salzmann, Walter Tiemann und andern entworfenen originellen Zier- stficken auflert sich ein sicherer, moderner Zug, jedes Stfick zeigt eigne Erfindung und nicht die einfache Uber- setzung alter Motive und Formen. Erfreulich ist, dafi die Kfinstler, die in der Praxis stehen und daher deren For- derungen kennen, besonderen Wert auf leichte Druckfahig- keit der Schmuckstficke gelegt haben. Die Bezeichnung Biedermeierzierat mochte ich nur in beschranktem Um- fange gelten lassen, da er nur auf einen Teil des ffir ein- und mehrfarbigen Druck erhaltlichen Schmucks zutrifft. Aber mag dem sein, wie es wolle. Die Firma hat der Buch druckerwelt einen Zierrat gegeben, der kfinstlerischen Wert besitzt und ausgezeichnete Wirkungen ermoglicht. Ein Name tut dann nichts zurSache. Besondere Anerkennung verdienen auch die mit Geschmack hergestellten Anwen dungen, bei denen die verschiedensten neueren Schriften der Firma gute und passende Verwendung fanden. Der Bieder meierzierat ist ein zeitgemalles und verwendbares Material, das schon seiner Originalitat wegen Beachtung verdient. Von der Firma J. G. Schelter Giesecke in Leipzig liegt auch noch ein Messingziermaterial fur zeitgemafie Aus- stattung vor. Das gut erfundene Material dfirfte sich nach meinem Daffirhalten insbesondere ffir Umschlage aller Art, bessere Anzeigen, Etiketten usw. eignen. Eine ver- haltnismaflige kleine Zahl von Stficken gibt in Verbindung mit einfachen fetten Linien die Moglichkeit, wirkungsvolle Satzgebilde herzustellen. Ein besonderer Vorzug ist die Vermeidung von geometrischen Figuren, an deren Stelle naturalistische Motive bevorzugt und mittels Hobel- und Fraflmaschine hergestellt wurden. Das Messingziermaterial dfirfte den Buchdruckern aufler seiner Verwendung auch noch infolge seiner Dauerhaftigkeit willkommen sein. Es ist erfreulich, wenn Firmen, die bei ihrem Schaffen lange Zeit hindurch von dem einmal eingeschlagenen Wege nicht abwichen, sich nun doch auch den Forderungen und Anregungen der Neuzeit nicht mehr verschlieflen, sondern ebenfalls Kfinstler zur Schaffung neuer Erzeugnisse heran- ziehen. Zu diesen Firmen gehort die altangesehene Schrift- 62

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1906 | | page 26