VIER JAHRESZEITEN VON JOHANN WOLFGANG GOETHE FRUHLING uf, ihr Distichen, frisch! ihr muntern, lebendigen Knaben Reich ist Garten und Feld; Blumen zum Kranze herbei! Reich ist an Blumen die Flur; doch einige sind nur dem Auge, Andre dem Herzen nur schon; wahle dir, Leser, nun selbst! Rosenknospe, du bist dem bliihenden Madchen gewidmet, Die als die Herrlichste sich, als die Bescheidenste zeigt. Viele derVeilchen zusammengeknupft, das Strausschen erscheint Erst als Blume; du bist, hausliches Madchen, gemeint. Erne kannt ich: sie war wie die Lilie schlank, und ihr Stolz war Unschuld; herrlicher hat Salomo keine gesehn. Schon erhebt sich der Aglei und senkt das Kopfchen herunter. 1st es Gefiihl? oder ist s Mutwill? ihr ratet es nicht. Sagt, was fiillet das Zimmer mit Wohlgertichen? Reseda Farblos, ohne Gestalt, stilles, bescheidenes Kraut. Zierde warst du der Gartendoch wo du erscheinest, da sagst du: Geres streute mich selbst aus mit der goldenen Saat. Deine liebliche Kleinheit, dein holdes Auge, sie sagen Immer: Vergiss mein nicht! immer: Vergiss nur nicht mein! 0j

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1908 | | page 171