ARCHIV FUR BUCHGEWERBE Erfahrungen tut hier veredelnde Beeinflussung und ernstlicheNachhilfe in technischer und kiinstlerischer Hinsicht dringend not! Jedenfalls wfirde der spatere Buchbindermeister solchen Bemiihungen Dank wis- sen, denn die Kunst, mit einfachen Mitteln Gutes zu schaffen, sichert ihm besser den Erwerb als die heute meist leider noch unlohnende Ausffihrung von teue- ren Lederbanden. Im Anschlusse sei auch noch der buchbinderischen Zeit- und Streitfrage iiber die teilweise minder- wertige Bindetechnik beim Verlegereinband gedacht, die im letzten Jahre dadurch aktueller geworden ist, da£3 in mehreren Tageszeitungen usw. von Schrift- stellern fiber die Minderwertigkeit dieser Bindung, wie auch iiber den herrschenden „Bficherkommunis- mus", d. h. iiber das mangelnde Verstandnis des Wer- tes eigener, geschmackvoll und gut gebundener Bibliotheken, lebhafte Klage gefiihrt wurde. So be- rechtigt nun auch manche dieser Klagen sind, so ist doch andrerseits darauf hinzuweisen, dafl die selb- standige Buchbinderei viel weniger von diesem Vor- wurfe betrofFen werden kann, als die Mehrzahl der Verleger selbst. Bei den Preisen, die letztere heute fur die Anfertigung ihrer Einbande gewahren, ist es der Buchbinderei schlechterdings unmoglich, besse- res zu leisten, es sei denn, dafi sie Geld zusetzt. Hierzu wird aber die Buchbinderei ebensowenig Lust haben, wie jedes andre Geschaft. Diese Griinde und Ursachen muBte ich hier einmal ganz entschieden betonen. Es scheint nun, als ob einzelne Verleger durch die Grundforderungen unsrer kunstgewerblichen Bewe- gung, die neben der Giite bzw. Echtheit des Mate rials auch Giite der Konstruktion verlangt, angeregt worden seien, im Sinne dieser Forderungen bei den besseren Verlagswerken Versuche zu machen. Obwohl solche, wenigstens vorerst, nicht Ieicht ge- lingen diirften, so wird es der Buchbinderei doch wohl bald moglich werden, zu dieser erfreulichen Fortentwicklung das ihrige zu tun, wenn nur die Ver leger selbst ihren ernstlichen Willen beweisen, und zwar durch Bewilligung hoherer Preise. Diese Entwicklung, die ja wohl zunachst wenig augenfallig sein wird, sollte von der handwerks- maBigen Buchbinderei besonders aufmerksam ver- folgt werden, denn sie bietet ihr entweder die Aus- sicht, Boden fur ihr Schaffen zu gewinnen, oder die Gefahr, bei Versaumnissen weiteren Boden zu ver- lieren. Jedenfalls mfifiten die Folgerungen, die sich aus einer solchen Entwicklung ergeben, ein weiterer Ansporn zur tieferen Fortbildung des zukfinftigen Handwerksmeisters sein, denn nur ein in Geschmacks- und technischen Dingen Gebildeter wird mit Erfolg bestehen konnen. Mit dieser wohlgemeinten Mah- nung diirften die allgemein rekapitulierenden Dar- legungen iiber die heutige Lage der Gesamtbuch- binderei, wenn auch nicht erschopft, so dochvielleicht im wesentlichsten gegeben sein. Die Besprechung iiber neuere Buchbindereimate- rialien erledigt sich diesmal fast schon mit dem Hin- weise, daB die gebrauchlichsten Leder, Stoffe und Papiere in der Farbengebung, Musterung usw. be- reichert wurden. So hat besonders die Tapetenfabrik Fr. Fischer G. m. b. H. in Miinchen-Riesenfeld ihre bekannten Vorsatzpapiere durch eineReihe reizender Muster in vorzfiglicher Farbenstellung vermehrt, auf die ich hiermit aufmerksam machen mochte. Die Miirkische Fantasiepapier-Manufaktur Zossen bei Berlin (Leipzig, R. Kober) hat erwahnenswerte, farbig meist zurfickhaltende Handmarmorpapiere heraus- gebracht, die gutverwendbar sind und bei geschickter Zusammenstellung mit Leinen oder Leder eine gute Wirkung ergeben. Es sei noch der vielfach von Kiinstlern oder Kfinstlerinnen geschaffenen Papiere gedacht, die bei kleineren Auflagen undEinzelbanden Verwendung finden und in den meisten diesjahrigen Ausstellungen in alien Varietaten zu finden waren. Uber die derzeitigen Buchbindereimaschinen hatte die von der Buchbinderinnung zu Berlin veranstaltete Fachausstellung eine vollstandigeUbersicht gewahrt, obwohl wegen der ungfinstigen Raumverhaltnisse und vielleicht auch ungunstigen Gruppierung eine Orientierung etwas erschwert war. In Heft 6, Jahr- gang 1908, des Archiv fur Buchgewerbe ist sowohl uber die Ausstellung selbst, wie auch iiber verschiedene Maschinen das Nahere berichtet, indessen bedarf es hinsichtlichderMaschinen noch einiger Erganzungen. Die Firma Gebriider Brehmer in Leipzig-Plagwitz, derenMaschinen invorziiglichemRufe stehen, brachte eine neue Maschine zum Ankleben von Einzelblattern usw. auf den Markt, fiber deren durchaus saubere Leistungsfahigkeit, die etwa das Dreifache der bis- herigen Handarbeit betragt, nur ein lobendes Urteil besteht. Sie hat sich deswegen in kurzer Zeit in fast alien Leipziger Groflbuchbindereien so eingeffihrt, daB sie nicht mehr entbehrlich erscheint. Inzwischen ist diese Maschine soweit verbessert worden, daB sie nunmehr auch Vorsatz-Doppelblatter urn die ersten bzw. die letzten Bogen umklebt bzw. umhangt. Ich halte mich verpflichtet, Interessenten auf diese her- vorragend dankbare Hilfsmaschine hier nochmals aufmerksam zu machen. Dieselbe Firma hat im vergangenen Jahre auch an ihren Heftmaschinen be- achtenswerte Verbesserungen geschaffen, durch die nun eine noch festere Heftung wie bisher moglich ist. Einen ganzautomatischen Einleger an Falzmaschinen, mit dem sich die Firma seit Jahren beschaftigt, will sie erst dann herausbringen, wenn dieser Apparat soweit vollendet ist, daB er alien ge- rechten Ansprfichen Genfige leistet. August Fomm, Leipzig-Reudnitzhat mit seiner neuen Beschneidemaschine D. R. P. Nr. 315889 eine 480

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1908 | | page 30