ARCHIV RUF BUCHGEWERBE das Einzelne prickelnd aufgelost ist, behalt doch das Ganze die Logik der Form. Da hat Menzel z. B. fur ein Kupferwerk ein Diplom angefertigt. Rechts und links die Schmiede und der Feuerofen. Mit vollen- deter Kunst istdasFlammende, die gliihend rauchende Luft, in der die Gestalten undeutlich sich bewegen, wiedergegebenauf der andern Seite ruhigeres Leben, die Gestalten treten deutlicher heraus. In der Mitte eine Nische, vor der eine Frauenfigur steht, die auf ein Portratrelief deutet, das in der oberen Rundung der Nische eingefiigt ist. Den Abschlufi bilden rechts und linksSockel mit grimmen Riesen, die symbolische Darstellung der bezwungenen Materie, die dem Men- schen dienstbar gemacht ist. Den oberen Rand bildet ein Gewirr von Blumen, Kranzen, Putten. Was hier den Ausschlag gibt, das ist die kiinstlerische Behandlung. Die Frauenfigur, sie ist keine schema- tische, blutlose Nachbildung, der durch eine theatra- lische Gebarde ein hoheres Leben gegeben werden soil, sondern sie ist ein prachtvolles, subtil gezeich- netes, malerisch gesehenes menschliches Wesen von Fleisch und Blut. Da wird niemand denken, das ist nur so traditionell iibernommen. Gewifi ist es Tra dition. Aber in dieser Form lafit sich nichts dagegen sagen, wir tasten sie nicht an. Und selbst die Schrift belebt Menzel in dieser Weise. Er gibt nicht das, was wir heute anstreben. Er wirft vielleicht die Typen zu sehr durcheinander. Aber hier kommt es nicht darauf an, das sind keine Typen, sondern malerisch gehandhabte Buchstaben, die dem einheitlichen Zweck dieses kiinstlerischen Arrangements dienen. Mit unnachahmlichem Feingefuhl hat Menzel diese ge- fahrvolle Klippe vermieden. Er hat auch die Schrift, die er mit virtuoser Freiheit zu behandeln versteht, mit Leben zu erfiillen gewufit und hat doch die dekorative Einheit in dem von ihm angestrebten malerischen Stil erreicht und beibehalten. Was die iibrigen genannten Diplome anstrebten, Menzel hat es erreicht. Darum spiiren wir hier das Kunstlerisch- Personliche, wahrend wir bei den Versuchen, die weder malerisch noch graphisch sind, die ich vorhin charakterisiertedas Akademisch-Schema- tische herausspiiren. Hier das Lebendige, dort das Leblose. Diesen freien, malerischen Stil ubertragt Klinger ebenso ins Graphische, indem er in der Radierung ein leichtes, feines Spiel der Linien gibt, von dem sich dunkle Massen abheben, und in diesem Wechsel der Hell- und Dunkeltone liegt der Reiz. Und dafi es schliefilich nicht die Allegorie als solche ist, die abzuweisen ist, das beweisen manche moder- nen Entwiirfe, die allerdings dann am kraftigsten wirken, wenn ein lebendiger Stoff kiinstlerisch ge- meistert ist. Hierfiir kann man als Vorbild einen Ent- wurf von Franz Stuck anfiihren, der eine allegorische Darstellung des Tanzes gibt. Er verwendet dazu das bekannte Friesmotiv. Vor dunklem roten Hintergrund ein tanzendes Paar, ein nackter Mann, prachtvoll modelliert, eine weibliche Figur, deren Gewand in lebhafter Bewegung dekorativ schwingt. Rechts und links stehen Pane, die auf Hirtenfloten blasen. Sie stehen auf dunklem, schwarzlichbraunem Hinter grund. Das Ganze macht einen sehr gesammelten, monumentalen Eindruck. Es ist farbig durch das dunkle Rot und Braun zusammengehalten und gibt auch in dem Wechsel der hinreiflenden Bewegung der Mittelgruppe, dem statuarischen Verharren der seitlichen Figuren eine Einheit, die etwas GrolJziigiges hat und etwas Neues gibt. Prezioser ist Gustav Klimt, dessen Entwiirfe jedoch auch unleugbar die eigne, kiinstlerische Note haben. Er stellt blasse Figuren vor weifie Marmorumrah- mungen und erreicht dadurch und besonders durch die leicht schwarzliche Tonung der Figuren einen eigentiimlichen Eindruck, der zugleich durch die leicht schwebende Fuhrung der Linien etwas Suggestives hat. Anders die graphische Art, zu der ich nun komme. Auch hier ist das gleiche Arrangement anfiinglich. Figiirliche und ornamentale Uberladung. Das Inhalt- liche iiberwiegt. Die Hindeutung soil das Kiinst lerische ersetzen. Man kann verfolgen, wie die Stile sich ablosen: Renaissance, Rokoko usw. Das Figurliche wird fiir den Nichtkiinstler immer eine gefahrliche Klippe bilden. Darum wende sich der kunstgewerbliche Zeichner dem zu, was den eigentlichen Gehalt seiner Kunstiibung ausmacht: der Schrift. Gerade auf diesem Gebiet der Schrift ist in der friiheren Art der Diplome viel gesiindigt worden und unsre Kritik setzt an diesem Punkt ein. Das legt zugleich nahe, dafi eben das Diplom uns eher ein kunstgewerblicher Gegenstand als eine kiinstlerisch freie Schopfung zu sein scheint. Man konnte sich, wie in den Randleisten, so auch in der Schrift nicht genug tun in Schnorkeln, Verzierungen. Man wollte feierlich sein und wurde unleserlich. Aber nicht das, die Unleserlichkeit, wiegt am schwersten denn das ist Sache der Ubung und es ist schwer festzu- stellen, wo die Lesbarkeit aufhort, die Unleserlich keit beginnt sondern der Mangel an dem ein heitlichen, dekorativen Eindruck war der schwerer wiegende Fehler. Das Ornament kann reich sein, aber braucht nicht deshalb iiberladen zu werden. Ebenso kann die Schrift feierlich sein und mit der Ornamentik zusammengehen und braucht doch nicht verschnorkelt zu sein. Hier mufi der Kiinstler die Verbindung schaffen. Das Verstandnis fiir diese uns jetzt selbstverstandliche Forderung war damals noch so wenig verbreitet, dafi man die Schrift meist von einem andern Zeichner einfugen liefi. Der Kiinstler entwarf die bildliche Darstellung oder die Umrah- mung. Der Schreibkiinstler fugte die Schrift ein. Wir 487

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1908 | | page 37