ARCHIV FOR BUCHGEWERBE Aus den graphischen Vereinigungen. ist". Wenn aber in dem Vorwort gesagt wird: „Von diesen Empflndungen beseelt, erscheint nun auch die vorliegende Schopfung des Darmstadter Kiinstlers, der sich die Aufgabe gestellt hat, die Lateinschrift in gleich konstruktivem Sinne zu behandeln, wie es Peter Behrens mit der gotischen Schriftform getan hat", so diirfte dies darauf zuriickzu- fuhren sein, dafi die Behrens-Antiqua erst nach der Meier-Schrift erschien, der Firma also die Umgestaltung der Lateinschrift in streng klassische Formen durch Peter Behrens noch nicht bekannt gewesen sein konnte. AIs Vorproben weiterer Neuheiten derselben Firma diirfte das Heft Neue Schriften gelten, das Proben der Leipziger Lateinschrift, der Liane, der schmalen und fetten Schelter- Antiqua, der Engen halbfetten Schulfraktur, der Salzmann- schrift, Othello und schrafflerten Fafner enthalt. Ich werde auf diese Schriften nach Eingang der Hauptproben naher eingehen. Uber die Lessing-Schriften der Firma Wilhelm Wollmers Schrifigiefierei in Berlin wurde bereits in fruheren Heften berichtet. Von der jetzt vorliegenden Lessing-Kursiv kann wohl mit Recht gesagt werden, dad sie etwas verspatet kommt. Sie ist, wie die Antiqua, englischen Ursprungs, pafit aberfiir die deutschen Verhaltnisse ebensogut, zumal deren Schnitt eine so gute Durchffihrung erfuhr, wie man es selten findet. Die Schrift ist mit zweierlei Versalien ausgestattet, wodurch sie sowohl als Zirkularschrift, als auch fur Akzi- denzzwecke gute Verwendung finden kann. Durch die gleich- zeitig herausgegebene Wollmer-Kursiv macht sich die Firma, wennich so sagen darf, gewissermaden selbst Wettbewerb. Es diirfte daher die eine Oder die andre der beiden erwahn- ten Kursivschriften ihre Entstehung wohl mehr dem Zufall als dem Bediirfniszu verdanken haben. Wenn ich einen Ver- gleich zwischen beiden Kursivschriften anstelle, dann mud ich offen gestehen, dad mir die Lessing-Kursiv besser ge- gefallt als die Wollmer-Kursiv, der die vornehme gefallige Ruhe der Kursivschriften mangelt. DerZeichner der Schrift, Heinrich Wieynk, hat besonders in die Versalien etwas ge- suchte Elemente hineingebracht, die die ganze Schrift un- ruhig machen. Die Gemeinen erscheinen mir reichlich grod, denn sie wirken etwas zu auffallig. Der Schrift fehlt sohin diejenige Einheitlichkeit des Stiles und Ausgeglichen- heit, die wir an der von demselben Kiinstler geschaffenen Trianonschrift so sehr schatzen. Fur den Bedarf der Zeitungsdruckereien bringt die Firma Wilhelm Wollmers Schriftgiederei noch eine Aus- wahl von Messinglinien fur Reklamerander, die bei ein- fachster Zusammensetzbarkeit doch recht gute Wirkungen ergeben. Chronos. Altenburg. In der am 28. Oktober 1908 stattgehabten Sitzung der Graphischen Vereinigung berichtete der Vor- sitzende uber die Aufgaben und Ziele der Graphischen Vereinigung und wies darauf hin, dad ein jedes Mitglied nach Kraften dazu beitragen moge, das Interesse an den beruflichen Bestrebungen zu fordern. Zur Ausstellung gelangte eine reichhaltige Sammlung von Akzidenzarbeiten, wie sie die tagliche Praxis bietet und welche der Chem- nitzer Typographische Klub zu einer Rundsendung (Nr.61) zusammengestellt hatte. Es ist erfreulich, dad in jiingster Zeit auch die fachtechnischen Vereinigungen in der Pro- vinz dem Verband der Deutschen Typographischen Ge- sellschaften Material zu Rundsendungen zur Verfiigung stellen. Um so befremdender mud daherder den Chemnitzer Arbeiten vom Arbeitsausschud des Kreises Leipzig beige- ffigte Bericht auf die kleinen Vereinigungen wirken. Es wurde allgemein zum Ausdruck gebracht, dad gerade Arbeiten aus der Praxis, wenn sie auch nicht immer erst- klassig sind, stets ein bleibendes und forderndes An- schauungsmaterial bieten. Das bekannte Plakat: Katzen- zungen(RundsendungNr.45) bildete mit seinen zahlreichen Farbenskalen einen lehrreichen Gegenstand zum Vergleich der kiinstlerischen Wirkung einer 16farbigen Chromolitho- graphie mit einem typographischen Dreifarbendruck. Der erste technische Abend derjenigen Ubungen, die sich vorwiegend mit dem Werksatz befassen sollen, fand unter reger Beteiligung am 11. November statt. Herr C.Kanze fiihrte in einem gut durchgearbeiteten Bericht in die Elementarbegriffe der Satztechnik ein. -o-. Berlin. In der ersten Sitzung, die die Typographische Gesellschaft im Monat Oktober abhielt, sprach Herr Dr. M. Klein fiber: Natur- und Kunstgenud. Er erlauterte den Begriff des Schonen, das immer nur in Beziehung zum Menschen in die Erscheinung trete, indem die Auffassung, die der einzelne Mensch von den Natureindrficken gewinne, diejenigen Empflndungen auslose, die wir schon nennen. Hieraus erklare sich die verschiedenartige Auffassung, welche fiber den Begriff des Schonen herrsche. Durch naheliegende Beispiele wudte der Vortragende auch seine rein asthetischen Ausffihrungen vollstandig zu machen. In der folgenden Sitzung waren die der Gesellschaft in letzter Zeit zugegangenen Schriftgiederei-Neuheiten aus- gestellt. Herr Georg Wagner hielt einen Vortrag fiber diese Erzeugnisse. Hinsichtlich der umfangreichen Gesamt- proben sei es fraglich, ob diese in der Regel eine lange Herstellungszeit erforderndenVeroffentlichungen noch zeit- gemad und zweckentsprechend seien. Bei der sich tiber- stfirzenden Produktion erscheine es praktischer, die Neu heiten in gleichartig ausgestatteten Heften erscheinen zu lassen. Die Versuche, Fraktur und Antiqua in sogenannten Bastardschriften zu vereinigen, scheine aufgegeben zu sein, denn es werde auf beiden Gebieten Neues geschaffen. Bei den Ornamenten konne beobachtet werden, dad das rein Kfinstlerische nicht die weiteste Moglichkeit der Anwen- dung biete. Wenn man die personlich gehaltenen Vignetten der letzten Zeit einmal angewendet gesehen habe, erkenne man sie sofort wieder und werde sie leicht als veraltet ansehen. Der Redner ging dann auf die einzelnen Proben naher ein und wfirdigte sie sowohl ihrer kiinstlerischen Wir kung als auch der praktischen Verwendbarkeit nach. Den Schlud der Sitzung bildeten Verhandlungen fiber den Vor- bereitungskursus ffir das Landschaftszeichnen. Nachdem sich bereits 20 Teilnehmer gemeldet, wurde beschlossen, am 6. November unter der Leitung des Herrn Georg Wagner damit zu beginnen. Am 3. November 1908 fiihrte Herr Albert Stolzenwald ein ihm gesetzlichgeschfitztes Verfahren zur Beschleunigung des Handsatzes vor. Es besteht in der Benutzung von aus haltbarem Material hergestellten 508

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