ARCHIV FUR BUCHGEWERBE der moderne Mensch hat keine Zeit. Die Tagesstun- den,die ihm zu seinemSchaffenzurVerfiigungstehen, sind kostbar und es wird daher fur ihn von Vorteil sein, wenn die Kamera das Skizzenbuch begleitet und erganzt. Wohlverstanden: begleitet, nicht etwa ersetzt. Kein Kiinstler, der mit Stift und Pinsel schafft, kann der manuellen Skizzen entbehren, aber er kann sie mit groGtem Nutzen durch photographische Aufnahmen unterstiitzen, erganzen und vertiefen, denn mit der Kamera ist er imstande, besonders die schnell sich abspielenden Vorgange, z. B. schnellste Bewegungen von Tieren und Menschen in der Natur, sowie das wechselnde Mienenspiel des menschlichen Antlitzes im Augenblicke festzuhalten, was mit dem Stifte niemals moglich ware. Er kann dann die ge- wonnenen Bilder vergleichen und studieren, er findet Einzelheiten, die vielleicht wichtig, ihm jedoch ent- gangen sind und die unter Umstanden dem Bilde oder der Zeichnung des Kiinstlers zur Charakteristik dienen konnen. Wahrend nun die Fachklasse furNaturphotographie die Heranbildung tiichtiger, selbstandig und mit Ver- standnis arbeitender junger Photographen erstrebt, an denen in der Praxis erheblicher Mangel herrscht, da die Ausbildung in der Lehre in vielen Fallen heute noch eine durchaus ungenugende ist, bezweckt der technischeKurs furNaturphotographie, der furSchiiler der Vorschule und fur Fachschiiler der andern Werk- stdtten offen ist, in erster Linie die Teilnehmer mit der Handhabung der verschiedenen photographischen Apparate, den Vorgangen beim NegativprozeG und denen der einfacheren Kopierverfahren, sowie dem VergroGerungsverfahren bekannt und nach Moglich- keit vertraut zu machen, damit die jungen Kiinstler in der Lage sind, sich gelegentlich der spateren Aus- iibung ihrer graphischen oder buchgewerblichen Tatigkeit wertvolle Studien aus dem groGen, uner- schopflichen Erscheinungsgebiete der Naturformen mit leichter Miihe und ohne nennenswerten Zeitver- lust zu sammeln. Es wird sich ihnen spater oft genug Gelegenheit bieten, dieses Material in freier Ver- arbeitung nutzbringend verwerten zu konnen. Bei den technischen Kursen der Vorschuler soli nicht, wie es fur die Fachschiiler der Fall ist, die Schaffung des selbstandigen, bildmaGigen und tech- nisch vollendeten Werkes der Endzweck sein und fachmaGige Leistungen bewirken, sondern die Photo graphic soil nur Mittel zu einem andern Zwecke sein. Es kann daher beim technischenKursusinden meisten Fallen, besonders auch in Anbetracht der Kiirze der zur Verfugung stehenden Zeit, auf die schwieriger auszufiihrenden Positivverfahren, wie den Pigment-, Platin-, Gummidruck usw. nicht, oder meistens nur in erklarender Weise eingegangen werden, es sei denn, daG schon einzelne der Schiiler in der photo graphischen Technik durch friiheres Selbststudium vorgeschritten waren. Dagegen soli das VergroGe- rungsverfahren gepflegt werden, weil den Schiilern dadurch spater die Moglichkeit geboten ist, sich Ent- wiirfe selbst auf das gewiinschte Format vergroGern zu konnen. Nur fiir die Fachschiiler der photographischen Ab- teilung konnen die schwierigeren Positivverfahren in Betracht kommen und sie miissen diesen allein vor- behalten bleiben, weil diese Schiiler die Photographie berufmaGig erstreben und betreiben und durch ein- gehende Kenntnisse derselben ihre wirtschaftliche Lage in der Praxis bedeutend zu verbessern imstande sind. Fiir die Besucher der technischen Kurse aber kommt es in erster Linie an auf einigermaGen ver- niinftiges Bedienen der Kamera, die bei den Auf nahmen zu beobachtenden MaGregeln, die Beherr- schung der Technik des Negativprozesses und der des Kopierens. Als Skizzenmaterial leistet jeder ge- wohnliche Zelloidindruck vollig Geniige. Die Reihenfolge der Aufgaben, die den Schiilern des technischen Kursus gestellt werden, ist daher etwa die folgende: I. Aufnahme nach Gipsmodell. II. Aufnahme nach einem farbigen Naturobjekt. III. Landschaftsaufnahme nach der Natur. IV. Bildnisaufnahme nach der Natur. (Die Kopien sind auf Auskopierpapieren zu fertigen.) V. Die Technik des VergroGerns. Fiir Vorgeschrittene eventuell. VI. Die Technik des Platin- und Pigmentdruckes. VII. Die Technik des Gummidruckverfahrens. Die beigedruckten Autotypien sollen einen Uber- blick iiber die Ergebnisse bilden; hierbei ist zu be- riicksichtigen, daG durch die Reproduktion die Klar- heit der Photographie etwas gelitten hat. Zugleich sei in Hinblick darauf, daG die Illustra- tionen zu den Artikeln iiber die technischen Kurse zum Teil falsch aufgefaGt wurden, ganz besonders hervorgehoben, daG lediglich die technische Seite und nicht die kiinstlerische in Betracht gezogen werden soil. Schiilerarbeiten konnen keine Meister- werke sein. Auch bei der photographischen Technik gilt, wie bei andern Techniken der Satz, daG Ubung erst den Meister macht, und daG zu einer photo graphischen Kopie noch etwas mehr gehort als: „Die Sonne und ein Stiickchen Papier". Die vorgefuhrten Arbeiten sind also nicht als Leistungen berufsmaGiger Photographen, sondern als die ersten selbstandigen Versuche von Zeichnern, Malern und andern Buch- gewerblern, sich photographierend zu betatigen, an- zusehen. 460

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1908 | | page 8