Sdiulpigs Konnen ersdiopft sidi jedodi nidit mit der Herstellung in jeder Hinsidit einwandfreier Marken. Fur inn ist ein soldies Kind seiner Phantasie kein kaltes »Meisterwerk«, kein lebloses Sdiaustiick und kein »Gebrauchsgegenstand«. Fur ihn ist jede Marke ein lebender Organismus, ein beseeltes, redendes, handelndes Wesen. Man vergleiche nur die Urgestalt seiner eigenen Marke am Eingang dieser Zeilen mit den beiden Abwandlungen, die er ihr fur seine Mitarbeiteranzeigen bei der Kunstanstalt von Hollerbaum Sdimidt gegeben bat <n. S. 115>! Da ist der fleifiige, griffelbewehrte Zeichner aus seinem Kreisrahmen herausgetreten und wandert lustig durch das Land, die Mappe mit Entwtirfen unterm Arm, auf der die eigentlime Scbutzmarke in Stempelkleinheit wiederkehrt. In derlaunigstenWeise verwendet der Kiinstler so sein personlidies Zeicben fur die Anzeigen des eigenen Bedarfs. Bald ruht sich das sdwarze Manncben in einer Hangematte aus, bald in einer groBen Bauernwiege, bis an die Nase von einem buntgewiirfelten Federbett eingehulltin immer neuen lustigen Einfallen gibt uns der Kiinstler davon Kenntnis, dab er da und dort seine Ferien zu verbringen gedenke. Aber es halt ihn nie lange drauBen. Der Rhytbmus der Arbeit sitzt ihm zu tief im Blute, und wenn er sich audi wahrend seiner Atelierferien gern einmal als Landschaftsmaler mit Pinsel und Farbe oder als Portratzeidiner mit Griffel und Feder betiitigt, so ist ihm anscheinend doch erst wieder ganz wohl, wenn ihn dringliche Auftrage an seinen Berliner Arbeitsplatz zuruckgerufen haben, an sein Zeidhenpult, das in einem groBen Hause gerade gegeniiber dem Untergrundbahnhof »Schlesisches Tor« hoch und sonnig gelegen ist, Da hangen unter Glas und Rahmen an alien Wanden die sdvwarzen Zeicben, die des Kiinstlers Ruhm begriindeten, und in dicken Mappen sind die vielen Hunderte von kleinen Zetteln und groBen Zeichenblockbogen aufbewahrt, auf denen man das Werden und Reifen einer Idee verfolgen kann. Denn nicht von heute auf morgen und nicht zwischen zwei Zigaretten entsteht fix und fertig eine Scbutzmarke. Es steckt ein ehrlicbes Stuck Arbeit hinter jeder guten Marke, ein tuchtiges Proben und Wagen, bis das Letzte, das Reifste herausgeschiirft, die beste Losung erkampft ist. Ein solches Ringen urn die Vollendung vollzieht sich das eine Mai schneller, das andere Mai langsamer, wie eben iiberall der kunstlerische SchaffensprozeB verschieden ablauft. Denn zum Gelingen eines solchen Werkes genugt nicht die Ausdauer eines Geduldspielraters, sondern es gehort audi der gottliche Funke des genialen Einfalls dazu, der nur in gliicklidier Stunde die Muhe des ehrlich Strebenden zu kronen pflegt. Wer einmal die Fiille von Skizzen gesehen hat, die notig waren, urn ein anscheinend so schlirbtes und selbstverstandlicb.es Zeicben entstehen zu lassen, diese Blattchen und Bogen, auf denen erst Bleistift, dann chinesische Tusche und manrbmal audi mit der Schere ausgesdinittene Sdiwarzpapierstreifen die Idee des zu Verkorpernden immer vollendeter zum Ausdruck bringen, wer die zur Vorlage fur den Auftraggeber bestimmten Skizzenblatter in der Sdiragsicht betrachtet und beobachtet hat, wie da eine schwarze Linie unter DeckweiB gelegt und dort aus einer weiBen Flame durch chinesische Tusche wieder eine schwarze Insel herausgehoben wurde, der vermag die in einem solchen Werk steckende Arbeit des Kiinstlers erst recht zu beurteilen und dementsprechend zu wiirdigen. Wenn audi Karl Sdiulpig heute als Spezialist fur Sdiutzmarken einen besonderen Ruf genieBt, so wurde es doch eine arge Verkennung seiner kunstlerisdien Personlidikeit bedeuten, wenn man, in der Annahme, er werde sich auf solchen Lorbeeren ausruhen, nicht nam seinem sonstigen gebrauchsgraphisdien Smaffen sich umsehen wollte. GewiB ist Spezialisierung heute allenthalben Trumpf und sidierlidi hat sie den Kiinstler zu aufierordentlidien Erfolgen gefuhrt. Allein sie vermodite nie das tlberstromende, den tatenfrohen Gestaltungsdurst in ihm zu hemmen, der iiber so engen Rahmen hinaus immer ins weite Reich der angewandten Graphik drangte, und das Verlangen der Auftraggeber, die nam ihrem 122

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1925 | | page 58