DER DEUTSCHE VERLAG AUF DER BUGRA-MESSE, FROHJAHR 1925 Archiv fur Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik IMMER deutlicher wird es, welche tiefgehenden Wir- kungen von der Bugra von 1914 auf dem Gebiete des Buchwesens ausgegangen sind. Diese univer- selle Schau hat Tausenden den Blick gescharft und in ihnen das Verlangen gefordert, herauszukommen aus der Stiimperei, urn das Buch als wirkliches Kunstwerk gestaltet zu sehen, einerlei, ob es sich um kostbare oder um einfache Werke handelt. Auch das bescheidenste Heftchen kann einen erfreulichen Anblick darbieten, wenn es sorgfaltig hergestellt wird und nicht mehr scheinen will als es ist. Die Bugra bedeutete fur das MPrachtwerk" alten Stils das Ende. Kein Mensch will heute mehr die Foli- anten sehen, die allzulange Zeit hindurch das Feld behaupteten. In verhaltnismafiig kurzer Zeit hat das deutsche Buch in seiner SuBeren Gestaltung eine Hone er- reicht, die erstaunlich ist. Und immer mehr machen sich die erfreulichen Wirkungen bemerkbar,- die von der Bibliophilie, als der letzten Instanz hoher Buchkultur ausgehen: es ist eine Bibliophilie im Werden, die nicht iiber den Wolken thront, eine Bibliophilie, die sich jeder leisten kann, auch wenn er nur fiber geringe Mittel verffigt, aber nicht minder begierig ist, teilzuhaben am schonen Buch der Gegen- wart. Zumeist in Form von Reihen entstehen billige Bfichlein, die zu sehr bescheidenen Preisen auf den Markt kommen, in Anlehnung an das schone Vor- bild der Pressen- und bibliophilen Reihendrucke aber so hfibsch und solid gestaltet sind, dafi man sie unbedenklich als bibliophile Erscheinungen an- sprechen darf. So wird allmahlich der Standpunkt fiberwunden, daB Bibliophilie eine Sache des Geld- beutels ist; selbstverstandlich konnen Pergament- und Lederbande, V/erke mit Originalgraphik usw. nicht ffir ein Butterbrot feil sein; kostbare Stoffe, Arbeit auf der Handpresse, handgearbeitete Ein- bande lassen sich nicht verschenken. Aber die be- wuBte und wohlverstandene Ubertragung der Her- stellungsgrundsatze, wie sie ffir V/erke der Biblio philie gelten, auf das billige, auf Massenabsatz berechnete Buch, hat zahlreiche Erscheinungen ins Leben gerufen, die hocherfreulich sind. Es liegt in der Natur der Sache, daB die Erzeug- nisse der Pressen selbst auf der Bugra-Messe nicht vollstandig vertreten sind; wo Bficher nur in klein- sten Auflagen zutage kommen, ist der Absatz in Liebhaberkreisen ohnedies gewahrleistet. Dagegen vermogen Verlage, die gleichzeitigneben dem biblio philen Buche noch andere Zweige pflegen, oder deren Produktion an schonen Drucken bereits er- ■iyr heblichen Umfang angenommen hat, diese ihre kfinstlerischen Erzeugnisse bequem darzubieten. So fand sich Gelegenheit, tieferen Einblick zu gewinnen in die Produkte des Avalun-Verlages, des Verlags PaulAretz (von dessen neuen Aretz-DruckenPlatons Gastmahl und Plutarchs Erotikos, bei Hegner voll- endet gedruckt, den besten Eindruck machen) der BeckschenVerlagsbuchhandlung(Rupprechtpresse), des Verlags Buchenau Reichert (Phantasusdrucke), ferner in die Bficher von Drugulin und vom Eu- phorion-Verlag, in die Werke der Gurlittpresse und der neuen KolnerPresse im Marcan-Verlag inKoln, die das typographisch schone Buch pflegt und mit den beiden bereits erschienenen Drucken: Goethe, Winckelmann, und Schlegel, Gesprach fiber Poesie, die Probe ffir ein schones Konnen abgelegt hat. Die Aufzahlung lieBe sich fortsetzen mit der Erwahnung des Phaidon-Verlags, der Theatiner-Drucke, des Hyperion-Verlags, des Verlags des Kreises (Beyer, Leipzig) und man ware noch nicht am Ende. Die Ffille des auf bibliophilem Gebiete Gebotenen laBt sich hier auch nicht annahernd ausschopfen. Dank- bar wird man die schonen Wirkungen solch edlen Wetteifers um die kfinstlerische Ausgestaltung des Buches begrfiBen mfissen, wenn man sieht, wie nun das einfache und billige Buch seinen Nutzen aus solchen Vorbildern zieht, wenn man sieht, wie allenthalben neue Reihen entstehen, die oft in ent- zfickender Ausstattung sich darbieten, wie die Reihenbande des Verlags Kiepenheuer, wie Ernst Rowohlts hochverdienstliche Ausgaben Balzacs usw. in ganz reizenden, biegsamen Leinenbandchen, so zierlich gemacht und dabei solide durch und durch. Erfreulichen Anblick boten ferner die Bficher des Verlags Neufeld und Henius und die sorgfaltig ausgestatteten Werke des Wolkenwanderer-Verlags. Des Inselverlags kulturelles Wirken ffir das gute und schone und dabei erschwingliche Buch ist ebenso bekannt wie Eugen Diederichs' immer stre- bendes Bemfihen, seinem Volke vom Guten das Beste zu bieten. Erfreulich ist es zu sehen, wie die Klassikerausgaben alten Stiles immer mehrver- schwinden, jene knauserig aufs billigste hergestell- ren Bande in Augenpulverschriften, mit knappesten Papierrandern in fibelsten „Massen-Verleger-Ein- banden". Schone stattliche Ausgaben bringt der Verlag Walter Haedecke auf den Markt (Diotima- Klassiker), dasBibliographischelnstitut stelltfarben- freudig leuchtende Reihen hin, deren Anblick im Regal eine Freude ist; und nun gar die monumen- talen Ausgaben des Propylaen-Verlags, von Georg 130

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1925 | | page 70