Archiv fiir Buchgewer be und Gebrauchsgraphik Das Thema ist geschickt gewahlt, denn wer wfirde nicht freudig ein Buch begrfifien, das mit Erfolg dem „Kitsch" zu Leibe geht! Leider halt das Buch aber nur zu einem Teil, was der Titel verspricht, und zwar liegt dies einerseits an einer schiefen Auf- fassung des Begriffes„Kitsch" fiberhaupt und andrer- seits an dem unerfreulichen Ton, den der Verfasser mehrfach anschlagt. In der „Plastik" 1912, Heft 10, hat Tim Klein folgende Definition des uns alien so gelaufigen Schlagwortes gegeben: „Kitsch ist eine Kunstanschauung, ja im letzten Grunde eine Welt anschauung: namlich eine soIcheohneNatur. Kitsch ist FaTschung der Natur vor und in der Kunst. FaT- schung aus Verlegenheit, aus Dummheit, aus Feig- heit. Im Kitsch verbindet sich die Angst vor der Natur mit der Menschenfurcht; davon, dafi er auch zum Geldverdienen da ist, sei abgesehen." Ganz kurz konnte man vielleicht auch sagen: „Kitsch ist der billige, auf Massenerfolg berechnete und darum unehrliche Effekt, mit dem der Kfinstler zum Publi- kum hinabsteigt, statt es zu sich hinaufzuheben." Der Verfasser jedoch gibt zwar zu Beginn selbst eine ganz annehmbare Definition des Begriffes und bringt auch einige schlagende Beispiele daffir, wie die greulichen Ansichtskarten oder Denkmaler, die sfifiliche Familienblatt-Illustration oder die min- derwertige Erotik, dann aber rechnet er auch Dinge dazu, die in keiner Weise hierhin gehoren, wie die Verschandelung von Bauten durch Firmenschilder, die Nichtbeachtung gewisser Stilgesetze oder „Gren- zen der Kiinste", die plumpe FaTschung von Kunst- werken, ja er geht endlich so weit, sogar den „Kitsch beim Genie" feststellen zu wollen, worunter er die weniger gliicklichen Werke selbst grofiter Meister, z.B.denChristusdesMichelangelo,versteht,wahrend er der neuesten Kunst keinen Kitsch, sondern schlimmstenfalls „Schwindel"nachsagen lassen will. Kitsch nennt er es auch, wenn Rodin am Modell zum Whistler-Denkmal ein gipsgetranktes Tuch dra- piert, um den Faltenwurf zu erproben, wahrend die sich hieraus etwa ergebenden kunsttheoretischen Erwagungen denn doch auf ganz anderem Gebiete liegenundvieltieferfiihren. AlsBeweisseinerUnpar- teilichkeit fiihrt er auch eine sehr harmlose Figur des sonst von ihm vergotterten Gustinus Ambrosi mit als „Kitsch" vor; in Wahrheit scheint dies noch eine der besten Arbeiten dieses von ihm mit Michel angelo und Rodin gleichgestellten Kfinstlers zu sein, der weiter nichts ist, als ein bis an die Grenze der Nachahmung gehender Rodin-Manierist (selbst seine Portrats sehen den Rodin-Busten ahnlich: sein Bocklin Rodins Laurens, Strindberg-Roche- fort und O. Wagner-Dalou, ganz zu schweigen von dem zum „Verstofienen" gewordenen „Penseur"!) Dann wieder verwechselter in ganz unkflnstlerischer Weise Form und Inhalt, so bei den billigen und hafilichen politischen Ausfallen im Kapitel vom „Hurra-Kitsch". Besonders bedauerlich aber istes. ■sr. dafi er in den Glossen zu den Abbildungen selbst einen schnoddrigen Ton anschlagt, der zu dem durch- aus ernsten Thema in keiner Weise pafit und der Sache mehr schadet als niitzt, zumal wenn er in die beanstandeten Darstellungen von sich aus in- haitliche Zweideutigkeiten hineintragt, die gar nicht darin liegen. So gehen die mancherlei guten Be- merkungen, die das Buch zweifellos auch enthalt, leider wirkungslos unter, und als Ganzes ist es schliefilich eben dochnurJournalismus,aufDeutsch: Literaturkitsch!L. V. DEUTSCHES BURGERLEBEN in Zeichnungen von Carl Spitzweg. Berlin, Benjamin Harz 1924. Uber den Maler Spitzweg braucht man heute kaum ein Wort mehr zu verlieren; seine kunsthistorische Stellung als Bindeglied zwischen deutscher Romantik und dem Impressionismus des 19. Jahrhunderts ist festgelegt und unbestritten, ganz abgesehen von dem stofflichen Reiz, den seine enge aber behag- liche Biedermeierwelt auf uns ausiibt. Jeden Freund seiner Bilder werden auch die kostlichen Bleistift- zeichnungen lebhaft interessieren, die imvorliegen- den Bande auf 50 Tafeln wiedergegeben sind, mit einer sehr verstandnisvollen Einleitung von Lothar Brieger, der warmherzig und doch gerecht abwagend eine treffliche Charakteristik des Meisters und seiner Zeichnungen im besonderen gibt. Es liegt auf der Hand, dafi in den Zeichnungen das Inhaltliche noch starker spricht, als in den GemaTden, jene „kleinen Dinge des Alltags", die fiir ihn eine grofle, herz- liche Bedeutung haben, jene engbegrenzten Men- schen, die er liebt und denen er heimlich die Hand driickt, selbst wo er fiber sie lachelt. Aber auch rein kfinstlerisch haben diese Blatter doch ihren eigenen Wert, als Erzeugnisse einer Zeit „da man noch zeichnen konnte", und die anmutige Sicher- heit ihres Striches ist vielfach nur mit Schwind zu vergleichen. L. V. BOUCHER, Zwolf Gravfiren des grofien Meisters. FEUERBACH, Zwolf Gravfiren des grofien Mei sters. ITALIENISCHE MEISTER, Zwolf Gra vfiren. Verlag der Vereinigten Kunstanstalten, Berlin. Diese drei aufierlich sehr einladend aufgemachten Hefte geben als Proben einer grofieren Sammlung zu einigen grundsatzlichen Bemerkungen Anlafi, die nicht verschwiegen werden dfirfen, gerade weil wir an sich jede derartige Publikation bedeutender Kunstwerke aufrichtig willkommen heifien. Schon der Titel ist bedenklich; es sind nicht Gravfiren „der" Meister, sonder nach GemaTden von ihnen. Und warum „des grofien Meisters"? Solch reklame- haftes Lob haben diese Manner wahrlich nicht notig! Die Ausffihrung der Blatter selbst in „Globus-Gra- vfire" ist bei den zwei erstgenannten, einfarbigen Heften recht gut, wenn auch zum Teil etwas ver- schwommen. VoTlig mifigluckt ist dagegen die Mappe 136

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1925 | | page 76