309 WEGE ZUM NEUEN BUCHE VON OTTO BETTMANN-BERLIN AUS DER VORTRAGSREIHE DES DEUTSCHEN BUCHGEWERBEVEREINS IM WINTER 1930 I. GRUNDLAGEN a) Gegenwart I ieMonate und Jahre nacli dem Ende I des Krieges waren nicht nur erfiillt ■^■■Ivon den Nachwirkungen der poli- tiscken Katastrophe. Zur Sorge um den Be- stand des Staates gesellten sich damals Vor- ahnungeneines kulturellenZusammenbruchs. Auch das Geistesleben stand vor einer Krise. Die Gestaltungskrafte waren gelahmt nach Jabren sinnlosen Kampfes. Alle Werte, die sicber das Vorkriegsdasein getragen hatten, scbienen in Frage gestellt. Es feblten die Orientierungspunkte fur ein neues Schaffen. Yerwirrung und Ratlosigkeitberrschte in alien Gebieten der Kunst und des Denkens. Rich- tungen wie der Expressionismus und Dadais- mus konnten EinfluB gewinnen. Angesichts solcber Krisenzeichen fand ein Buch dann Widerhall, das vom vollkomme- nen Ruin der europaiscben Kultur sprach vom Untergang des Abendlandes. Seit dieser Zeit ist etwa ein Jahrzebnt ver- gangen—rein zahlenmaBig eine kurze Spanne, die nur wenig fiir den geschicbtlicben Verlauf und fur die Entfaltung neuer Kulturkrafte bedeutet. Dennocb konnen wir beute schon, nacb einigen Jahren harter Arbeit sagen, daB ein Wiederaufbau sicb vollzogen bat, aucb im Bereicb des Geistes und der Gestaltung. Der Weltkrieg erscbeint nicht mehr als Ende einer alten Zeit. Er ist zugleich Markstein eines Neubeginns geworden. Das Schaffen hat wieder eingesetzt. Ziele und Wege kristallisieren sicb fur die kiinst- lerische Arbeit heraus. Ein Stil ist im Ent- stehen, der aus den Gegebenheiten der Nach- kriegszeit erwacbst. Neue Formen treten her- vor, die wegweisend fur die Zukunft sind. Es liegt nabe, nach den Grundlagen dieses Gegenwartscbaffens zu fragen. Besonders der Tatige, der auf seinem Gebiet am Aufbau der neuen Formenwelt teilnebmen will, muB sicb klar sein, iiber die Voraussetzungen und Grenzen der gestaltenden Arbeit von heute, fiber das Gemeinsame der vielfaltigen Neu- bildungen. Vermag man aucb fiber das Wohin, iiber die Zukunft des Stils in dieser Zeit des Ubergangs nichts Verpflichtendes zu sagen, so kann doch festgestellt werden, wober die Krafte kommen, die uns ein neues Schaffen erlauben. Eine Tatsacbe ist bestimmend und richtung- gebend fur alle gegenwartige Arbeit: Der Krieg hat einen wirtscbaftlicben Tiefstand ohnegleicben mit sicb gebracbt. Die Not aber und die pekuniare Bedrangnis konnte im Bereich der Gestaltung die Krafte nicht lahmen. Gerade neue kiinstlerische Ener- gien wurdenunter demDruck derVerhaltnisse ausgelost und zur Entfaltung gebracbt. Der Mangel an materiellen Mitteln fiihrt dazu, die Gesetze der Okonomie streng zu beacbten. Ein Verzicht auf alles Phrasenhafte, Um- wegige im Schaffen wird erkennbar. So ent- wickelt etwa die Gebrauchskunst aus dem Material, fern von ornamentaler Absicbt, neue Stilprinzipien. Jeder Gestaltung sucht man die einfachste Form zu geben. Bei aller ScklichtheitundSparsamkeitderMittelwirken Werke dieses Stils aber schon zugleich, weil alles Unecbt-Schmuckliafte verschwindet und jedes Element auf den Zweckhin vollendetab- gestimmt wird.

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1930 | | page 15