310 Yon der gleichen Grundlage her sind auch in den andern Spharen des Schaffens die Neubildungen deutbar. Neben der modernen Arcbitektur ist auf dem Boden dieser Zeit ein Stil des Drucks zur Entfaltung gekommen, der sich kiihn »neue Typographies nennt. Auch diese Richtung gestaltet, der Not sich fiigend, mit einfach- sten, elementaren Mitteln. Alles Ornamentale verneint man, in der Erkenntnis, dab jeder Schmuck eine unnotige Beigabe darstellt und Verteurung bedeutet. Nur Elemente, die der Mitteilung dienen, werden anerkannt. Fur die Wahl und Anordnung der Typen ist maB- gebend die Lesbarkeit: Rasche Orientierung soil das Gedruckte vermitteln. Unnotige Er- ganzungen werden vermieden, weil sie den LesefluB bemmen und damit dem Zweck und Sinn des Typographischen widersprechen. Selbst bei diesem Verzicht auf das Schmuck- hafte aber hat man Formen geschaffen, die durch ihre kiihle Sachlichkeit asthetisch be- friedigen, die schon sind durch ihren klaren, phrasenlosen Aufbau. Auch die neue Typo graphic bat es in ihren Hochstleistungen ver- standen, mit einfachsten Mitteln groBe Aus- druckskraft zu erreichen. Gerade wabrend der letzten Jabre ist klar geworden, daB es sich hier nicbt um eineModerichtung handelt, die vergebt, sondern um einen neuen Stil, der den Gegebenheiten dieser schwerkampfenden Zeit Rechnung tragt. Nur ein beschranktes Gebiet allerdings ist vom sachlichen Schaffen in der Typographic zunachst durcbdrungen worden. Die Klein- formen des Drucks hat man neu gestaltet im Geist der Gegenwart. Die Akzidenzen, die Drucksachen fur den taglichen Bedarf, wur- den nach ZweckmaBigkeits-Gesichtspunkten durchdacht. Fiir Briefbogen, Anzeigen, Pro- spekte, Plakate fur die Werbedrucke sind einfache und praktische Formen gefunden worden, die alles Unnotige, die Orientierung hemmendes, vermeiden. Nachdem auf dem Gebiet der Akzidenz, des Werbedrucks, die Stilbildung zu einemgewis- sen AbschluB gekommen ist, wird die Frage unabwendbar, ob nicht auch das Buch, das dem ganzen Gewerbe ja den Namen und den kulturellen Akzent gegeben hat und gibt, neu- gestaltet werden miisse im Geist dieser Zeit. Da heute, trotz der Not, in so vielen Bereichen grundlegend neue Formen hervortreten, liegt die Vermutung nahe, auch das Buch miisse sich nach AuBerem und Inhalt den veran- derten Gegebenheiten des Nachkriegs an- passen. Das Schaffen am neuen Buch wird oftmals mit einem Einwand abgetan. Man sagt: Auf dem Gebiet des Gebrauchsdrucks muBte sich eine Stilbildung vollziehen. Die Kleinformen der Typographic waren durch Jabrbunderte nur Akzidenz, zu deutscb »Nebenarbeit«, ge- wesen. Mit der Entfaltung der Industrie kamen diese Zufallsauftrage und Kleindrucksachen zu gesteigerter Bedeutung. Hier war ein Neu- land fiir den Drucker zu erobern. Das Buch aber dies ist die allgemeine Uberzeugung wandelt sich nicbt und hat eine Anglei- cbung an Gegenwartszwecke nicbt notig. Es ist, wie man glaubt, unverandert geblieben seit Gutenbergs Tagen. Eine Neugestaltung des Bucbes auf dem Boden dieser Zeit kann erst in Angriff genommen werden, wenn diese These gepriift ist. Stellt sich wirklicb heraus, daB die Buchform vom Wandel des Stils unberiibrt bleibt so wird analog zu schlieBen sein, auch die Gegenwart diirfe die iiberkommene Form hinnebmen, wie sie ist. Sollte sich aber zeigen, daB jede Epoche der Kultur eine eigene Art des Buches entwickelt so ware damit der Gegenwart die Aufgabe gestellt, ebenfalls vorwartszuschrei- ten. Es muBte dann versucht werden, auch das Buch der Struktur dieser so grundlegend gewandelten Zeit einzufiigen. Der neuen Ak zidenz und Werbetypographie hatte eine ent- sprechende Bucbtypographie zu folgen.

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1930 | | page 16