312 verhilft. Die Lektiire wird zu einer Ange- legenlieit des Gesamtvolkes. Der Buchdruck und das Buch muG der ver- melirten Nachfrage Rechnung tragen. Neben den Monumental-Editionen der Klassiker aus Goschens Offizin erscheinen Volksausgaben und Tascbenbande. Das Kleinformat bevor- zugt man, weil es erlaubt, die Werke der Lite- ratur als Besitz stets bei sicb zu tragen. Ein innigeres Verhaltnis von Buch und Mensch wird erreicht durch die Angleichung der Form an die kulturellen und wirtscbaftlichen Er- fordernisse. Der Zug zur Popularisierung des Geistes- lebens ist weiter verfolgbar ins 19. Jahrhun- dert hinein. Auch das Buch bleibt nach Form und Eigenart nicbt ungewandelt. Das Inter- esse der Off entlicbkeit an der Literatur wachst. Der Druck vermag dem erhohten Buchbedarf Rechnung zu tragen. Die Mascbine leistet dem Geist auGerordentliche Helferdienste und er laubt, um billigen Preis Bucber von Wert zu bieten. Formal allerdings gelingt es nicbt, dem Fortschreiten der Tecbnik zu folgen. Die Mascbine verfiihrt in ihren reichen Mog- lichkeitenzu einem Spiel mittypograpbiscben Floskeln. Eine Geschmacksentartung ist die Folge. Die Umkekr in der Gestaltung des Buches beginnt mit diesem Jahrhundert. Der Kiinst- ler nimmt sich der Schrift an. Er sucht zu- ruckzufiihren zu den klaren Formen deralten Typographic. Typen der Yergangenheit wer- den in neuem Geist wiederbelebt. Wertvollste Reinigungsarbeit ist von Meistern wie Peter Behrens, Tiemann, Steiner-Prag, F. W. Kleu- kens, Ehmcke von einer ganzen Generation buchgestaltender Kiinstler geleistet worden. Die Typographic spiegelt zugleicb das Wesen der Zeit: Werke von auGerordentlicher Kost- barkeit konnen, da der wirtschaftlicke Wohl- stand vor dem Kriege allgemein ist, Absatz finden. Eine Gefahr fur die Bucbform aber war mit dieser Richtung gegeben. Die Tendenz zum Bibliophilen und Luxuriosen veranlaGte den Verlag zur Herausgabe von Werken, die mit- tels Maschine hergestellt, die Hochstleistun- gen der Buchkunst verflacbten. Dadurch ent- standen prunkvolle, zuweilen bohle Formen und eine VerauGerlichung der Bibliophilie, einBuchsnobismuswar die Folge. Das Luxus- bucb mit Radierung, Goldschnitt und Leder- band gait als Inbegriff der Buchkultur. In einer gewissen Schicht von Werken spiegelt sicb so der Glanz des wilhelminischenDeutsch- lands. Dieser historische Umblick zeigtzunachst, daG die wirtschaftlicke und geistige Lage einer Zeitauf die Buchform in starkemMaGe wirkt, daG jede Epocbe der Kultur zugleicb eine Epoche der Bucbgestaltung ist. Nicbt radikal gebt dieser Wandel der typographiscben Form in einer neuen Zeit vor sich. Im Sinne einer Modifikation vielmehr, einer Angleichung an neue Zwecke und Gebote vollzieht sich die Umbildung nach Gehalt und AuGerem. Gilt dieser Grundsatz fur alle Zeiten, so wird auch beute, da unsre gesamte geistige Welt auf eine neue Basis gestellt ist, das Buch den Gegenwartsforderungen sich anzugleichen haben. Wie alle andern Gestaltungen muG auch das Buch in die Struktur des beutigen Lebens mit einbezogen werden. Der Ausgangspunkt fur den Blick auf die c) Zukunft Wege eines neuen Buchgestaltens wird eben- falls durch die historische Betrachtung ge geben. Den Zeiten des Wohlstandes vor 1914 ist eine Periode groGter wirtschaftlicher Bedrangnis gefolgt. Das Vorkriegsbuch, unter dem Ein- fluG der Buchkunst stehend, zeigt den Zug zur schonen, in erster Linie astketisch wohl- gefalligen Form. Heute sind der Gestaltung auf alien Gebieten andre Aufgaben gesetzt und auch die Typographic wendet sich ab von den Stilidealen der alten Zeit. Die Not ist all-

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1930 | | page 18