316 Die Not der Zeit fiihrte zur Bejahung der technischen Mittel. Das neue Buch muB ma- schinenmaBig hergestellt sein, wenn es das okonomische Grundgesetz der Gegenwart er- fiillen will und um billigen Preis geboten werden soil. Zum Maschinenbuch, das es zu schaffen gilt, gehort als Aufbauelement die Maschinen- schrift. Nicht an die Satzmethode, die Her- stellung des Textes auf derMaschine istdabei in ersterLinie gedacht, sondern an dieEigen- art der Schrift, den technisch pragnanten Charakter der Type. Aucb unter diesem Aspekt muB der Antiqua, der Grotesk im modernen Buchschaffen der Vorzug eingeraumt werden. Man hat gesagt, daB dieser Schriftcharakter seiner ganzen Eigenart nach, tecbnischer Natur sei, daB mit dieser Type die »letzte Konsequenz aus der Erfindung des maschinenmaBigen Lettern- gusses« gezogen werde. Die Fraktur ist der Handschrift des mittelalterlichen Schreibers nachgebildet, und sie entsprach in ihrer Un- gleichheit der Technik des alten Stempel- schnitts. Die Schrift atmet den Geist der Handarbeit. In ihrer stilvollen Unebenheit verrat sie jeweils die personliche Note der Hersteller. Die Grotesk ist dagegen ihrem Wesen nach unpersonlich und anonym. Mit auBerster Pra- gnanz kommt hier der Einzelbuchstabe zur Geltung. Jeder individuelle Schnorkel ist zu- riickgedrangt in dieser Schrift, die klar und errechnet ist wie ein Gebilde der Ingenieur- kunst entpersonlicht wie die Maschine, die sie in harter Arbeit erschuf. Wenn literarische und inhaltliche Momente fur den Satz des neuen Buches eine grotesk- ahnliche Schrift geeignet erscheinen lassen so befindet sich hiermit die technische Seite der kiinftigen Buchgestaltung in Har- monie: Die Maschine, die billig produzie- ren hilft, liefert die Schrift, wie sie uns welt- anschaulich gemaB ist. InW erke wissenschaftlichenCharakters dringt die sachlicheType auch bereits ein wahrend sie das moderne belletristische Buch, den Tat- sachenroman, noch kaum erobert hat. Die Zeichen mehren sich aber dafiir, daB auch dieser Schritt getan wird. So hat ktirzlich erst wieder Chr. H. Kleukens von derMainzer Presse auf der Tagung der Bibliophilen die These vertreten, moderne Texte miiBten »ruck- sichts-und konzessionslos mit einer sachlichen, unromantischen Type« gesetzt werden. Nur unter dieser Bedingung sei die hochste Auf- gabe der druckerischen Kunsterfiillbar - nur so konne das Buch gestaltet werden im Stil dieser Zeit. Man ist versucht anzunehmen, daB auf dem Ge- Praxis biet der Typenschaffung bereits viel erreicht sei und Schriftmaterial fur ein neuesnach In- haltundFormsachlichesBuchbereitsvorliege. Gerade in denletzten Jahren hat derdeutsche SchriftguB eine rege Tatigkeit entfaltet. Das Bemiihen ging allgemein dahin, an die Stelle der vielfaltigen Formen von Antiqua und Fraktur eine Normalschrift zu setzen, die un- individuelle Grotesk. Von dieser Type sind im Lauf der letzten Jahre verschiedenste Neu- schnitte hervorgetreten, und das Schriftchaos scheint nicht behoben. Unter den neuen Erzeugnissen sind Typen, die sich fur die Gestaltung moderner Drucksachen ganz vorziiglich eignen. Die ideale Buch- schrift aber ist noch nicht gefunden. Sie miiBte besonderen Forderungen gerecht wer den und in ihrer Gestaltung von der Werbe- schrift nicht unerheblich abweichen. Im Propagandadruck handelt es sich weniger um die Gestaltung zusammenhangender Texte als um die klare Hervorhebung wesentlicher Schlagworte. Dieser Bestimmung tragen die bisher vorliegenden Schopfungen meist in ausgezeichneter Weise Rechnung. Es ergeben sich gutgeschlossene, wirksame Einzelzeilen. Im Buche sind noch andre Gesichtspunkte

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1930 | | page 22