319 fur das Buch hat man sie verschiedentlich verwandt. Es ist anzunehmen, daB diese Gro- tesk mehr noch als bisher Verwendung findet gerade fiir den Druck von moderner, sachlich und kiihl eingestellter Lyrik. Auch die neue Berthold-Grotesk, die letzte Schopfung dieses Gebiets, ist als Buchschrift denkbar. Die Type wirkt gerade im Zusam- menhang der Zeile geschlossen. Eine Ver- zahnungzwischen denTypenist erreichtunter Wahrung des strengen Duktus. Die Schrift scheint wie die Futura— weit entfernt von jedemindividuellenZug. Gerade diese Strenge und Abstraktheit aber entspricht der Grund- haltung des gegenwartigen Schrifttums. Zu diesen und andern Handsatztypen der Grotesk, an denen die neue Asthetik des Satzes entwickelt werden muB - ist vor kurzem die »Neuzeit-Grotesk« der Linotype-Setzmaschi- nen G. m. b. H. getreten. Damit scheint die Entwicklung, die zur sachlichenType im Buch hinfiihrt, in hohem MaBe gefordert. Es wird nunmehr moglich, Grotesksatz auf der Ma- schine herzustellen. Eine Yerbilligung gegen- iiber der Handarbeit ist erreicht, und es darf erwartet werden, daB dieZahl der modernen Drucke sich mehrt. Die These von der Brauchbarkeit der Grotesk im Buch, im Maschinenbuch, findet gerade in der Linotypeschrift eine nicht geringe Stiitzc. Es zeigt sich namlich, daB diese Maschinen- grotesk eine ausgezeichnete Wirkung im ge- schlossenen Satz ergibt. Die alten Buchschrif- ten Fraktur und Schwabacher fiihren, auf der Linotype hergestellt, nicht immer zu befrie- digender Wirkung. Die Technik arbeitet mit auBerster Prazision, jeder Buchstabe ist dem andern gleich und gerade die alten, hand- werklichen Schriften erscheinen bei solcher Schematisierung unlebendig. Diese Typen- familien eignen sich fur Handsatz besser. In Werken einstiger Jahrhunderte vermogen sie sich frei zu entfalten, weil die Einzellettern ungleich ausgefallen sind bei der handwerk- lichen Arbeit des Stempelschneiders. Bedeutet die GleichmaBigkeit des Gusses auf der Maschine fur die historischen Schriften einen Nachteil - so wirkt der moderne, ganz auf technischen Gegebenheiten fuBende Gro tesksatz der Linotype auBerordentlich stilrein. Der absoluten Pragnanz der Type entspricht die Prazision des Gusses. Die Gleichartigkeit der Typen bedeutet hier einen Vorteil. Es zeigt sich, daB gerade die billig produzierende Maschine einen Satz von ausgepragter Sach- lichkeit zu liefern vermag. Die technische Scharfe und Reinheit, der Verzicht auf das Individuelle und Schmuckhafte kommt dem heutigen Begriff von der zweckmaBigenSchon- heit entgegen. Auch die Buchherstellung vermag so, wenn die Elemente der Form durchdacht werden, wie alle andern Gebiete heutigen Schaffens, Kunstgewerbe und Architektur der Ungunst dieser Zeit ein Trotzdem gegenuber zu setzen: Trotz des Angewiesenseins auf die Maschine, trotz scharfster Kalkulation kann das Buch Ausdruck dieser Zeit werden. An einem zweiten Bestandteil des Buches b) Bild sind Wege zu einer neuen Formgebung auf- weisbar. Zu jeder Epoche der Kultur und der Buch- kultur gehort neben einer spezifischen Typen- arteineBildform,die den Gehalten entspricht. Dem Frakturbuch im bewegten Kampf der Reformation fiigt sich der Holzschnitt vor- ziiglich ein. Bildform und Typenform gehoren zusammen und bilden eine Einheit. Das Ro- kokobuch enthalt neben Textseiten aus fein- gliedrig geschwungenen Typen Kupferstiche desselben Stils. Die Anmut der Schrift ver- schwistert sich mit der Anmut der Yignetten, Initialen und Leisten. Die Epoche der Buch- kunst anderseits, die den Ausgangs- und Gegensatzpunkt fur diese Betrachtung bildet, bevorzugt in ihrer Tendenz zur Handarbeit

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1930 | | page 35