333 demischer Burger angesehen wurde, sich der Deposition zu unterziehen hatte. Diese Depo sition mit ihren uns heute fast kindisch aus- gelassen anmutenden Gepflogenheiten stand aber durchaus nicht auf der Stufe eines stu- dentischen Bierulks, sondern war eine hoch- offizielle Einleitung zur Immatrikulation unter demYorsitz und der Aufsicht eines eigens dazu bestellten beamteten Depositors und hatte den Zweck, dem Beanen oder Bacchanten, wir wiir- den heute sagen dem krassen Fuchs, die Min- derwertigkeit seines bisherigen Daseins und die Notwendigkeit durch Ablegen aller vorherigen Untugenden in Gesinnung und Benehmen ein neues Leben anzufangen, durch eine Reihe symbolischer Handlungen klar zu machen2. Es ist hier nicht der Ort, im einzelnen auf den Inhalt der akademischen Deposition einzu- gehen; denn das Postulat der Buchdrucker, mit dem wir uns zu beschaftigen haben, ist eine dem Charakter nach gleiche, wenn auch in der Form modifizierte Wiederholung. Der Grund, aus dem wir hier ausfiihrlich uns mit der Deposition der Buchdrucker befassen, besteht einmal darin, dab diese Seite in der Geschichtsschreibung der Buchdruckerei, von vereinzelten summarischen Hinweisen abge- sehen, leer geblieben ist und dann in der Uber- zeugung, dab es auch heute nocb fur den Jiinger der schwarzen Kunst wertvoll sein mub, die Vergangenheit seines eigenen Berufes auch in dieser Richtung kennenzulernen, um an einer kiimmerlichen Gegenwart ermessen zu konnen, welche Werte verlorengehen, wenn die Uber- lieferung aus Mangel an sorgsamerund verstand- nisvoller Pflege vom Unkraut derVerstandnis- losigkeit und Entartung iiberwuchert wird. Unsre Ausfiihrungen werden sich daher erstrek- ken auf eine Darstellung der geschichtlichen Nachrichten iiber dasWesen der Deposition und ihre Entwicklung, wie sie sich aus den Bestim- mungen in Innungsordnungen und den Deposi- tionsspielen ergibt, um mit einem Blick auf die in der j iingsten Ver gangenheit und in der Gegen wart iiblichen Gebrauche zu schlieben. Die beiden Bezeichnungen, unter denen die Lossprechung der Buchdruckerlehrlinge und ihre Aufnahme in den Gesellenstand in der Literatur erscheint: Deposition und Postulat, sind, wenn sie auch stellenweise gleichbedeu- tend gebraucht werden, im Grunde genommen doch nicht identische Begriffe. Die Depositio (cornuum), die ihren Namen von dem Ablegen der Horner, mit denen der Hut des Neuauf- zunehmenden verziert war, erhalten hatte, umfabt nur den Teil der ganzen Feier, der sich mit der Darstellung der Aufnahmezeremonien befabt, wahrend das Postulat die ganze Feier einschlieblich der Yorbereitungen, die sich zum Teil in der Werkstatt abspielen, und der auf den Depositionsakt folgenden Festlichkeit in Verbindung mit der Einsetzung in den neuen Rechtsstand umfabt. Das Wort selbst bedeu- tet die Forderung, in den Gesellenstand aufge- nommen zu werden, die der Postulant, der Forderer, an die Gesellenschaft seiner Offizin und an den Ladenvater, den Obermeister der Innung, richtet. Die Nachrichten iiber die Entwicklung des Postulats sowohl im allgemeinen wie in den einzelnen Stadten sind sehr liickenhaft. Die behordlich festgelegten Buchdrucker-Innungs- Ordnungen sprechen sich selten dariiber aus. Man erfahrt hochstens bei Gelegenheit von Streitigkeiten diese oderjeneEinzelheit iiber die Durchfiihrung des Postulats in der betreffenden Zeit. Erst mit dem 18. Jahrhundert werden, besonders als um die Mitte des Jahrhunderts energischeReformbestrebungen einsetzen, auch in der gleichzeitigen druckerischen Fachlitera- tur die Erwahnungen haufiger und ausfiihr- licher. Wir wollen versuchen, diesen ganzen Fragenkomplex in enger Anlehnung an die lite- rarischen Zeugnisse zu behandeln. Die Unvoll- standigkeit des Materials erschwert eine allseitig aufklarende Darstellung naturgemab nicht un- erheblich und bestimmt ihre Grenzen.

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1930 | | page 49