361 Zeit ihren Damen gegeniiber paroli di Poli- philo anwandten, um sich ein besonderes literarisches Ansehen zu geben. Yielleicbt hat sich auch Diirer Leidinger halt es aber fur unwahrscheinlich, und es bediirfte hier philo- logischer Untersuchungen dieser Mode nicht ganz entziehen konnen, als er »zu Fenedich ein Tzentilam« geworden war, wie er scherz- haft in einem seiner Briefe schreibt. Leidingers Forschungen haben nun ergeben, daB Albrecht Durer in seiner Bibliothek auch das Werk selbst besaB, wenn auch nicht fest- zustellen war, wann und wo er es erworben hat. DaB es im Besitz Diirers war, ergibt ein Ein- trag in dem Poliphilus-Exemplar der Bay- rischen Staatsbibliothek »Emptus ex biblio- theca Alberti DyreriAnno Domini 1555 Eras. Hock D«, der bisher noch von nieman- den bemerkt worden war. Das mochte bei einem Buche, das im Lauf der Jahre in einer so stark benutzten offent- lichen Bibliothek wie der Bayrischen Staats bibliothek durch die Hande von Hunderten von Gelehrten gegangen ist, stutzigmachen. Aber der an sich schwer lesbare Eintrag findet sich iiberdies an sehr versteckter Stelle: die vier, den Anfang des Buches bildenden Blat ter, auf denen der Dr. Erasmus Hock seinen Eintrag machte, sind namlich am SchluB des Bandes eingebunden und infolgedessen der Aufmerksamkeit der Forscher bis jetzt ent- gangen. Leidinger priift eingehend die Glaubwiirdig- keit des Eintrages selbst und kommt in dieser Hinsicht zu einem bejahenden Entscheid. Wir haben es tatsachlich mit Diirers Poliphilus- Exemplar zu tun und da wir iiber Diirers Bibliothek so gut wie gar nicht orientiert sind, bedeutet dieseFeststellung einen erfreulichen Beitrag zur Rekonstruktion der Diirer-Biblio- thek, eine biicherkundliche Aufgabe, zu deren Losung Leidinger noch einige Beispiele bei- bringt, wenn es auch nicht in seiner Absicht liegen konnte, hier diesen Rekonstruktions- versuch weiter auszudehnen. Jedenfalls ware diesesThema des Sch weiBes der F orscher wert. Die Frage, welche Wirkungen die Hypnero- tomachie und ihre bildlichen Darstellungen, namentlich ihre Hieroglyphen, auf Diirer ge- habt hat, beantwortet Leidinger durchaus negativ: »die Holzschnitte der ,Hypneroto- machia', so vorziiglich sie sind und so be- deutsam sie fiir die Geschichte der italie- nischen Graphik sein mogen, sind dem deut- schen Meister an und fiir sich zu kalt und zu niichtern gewesen, als daB sie auf seine warmempfindende Seele einen besonderen Eindruck hatten machen konnen«. Diirer habe sich vielmehr bewuBt dem EinfluB Italiens entzogen und sein Kiinstlertum sei immer rein deutsch geblieben. Die zweite Untersuchung Leidingers behan- delt zwei »Miinchener Dichter des 14. Jahr- hunderts«, namlich Heinrich von Miinchen und Heintz Sentlinger, mit denen die ziinftige Literaturwissenschaft sich bisher schwer ab- gemiiht hat. Nach jahrelangem Bemiihen gelang es Lei dinger, fiir die Bayrische Staatsbibliothek einen Kodex zu erwerben, der fiir die kiinf- tige Erforschung von Leben und Werk na mentlich Heinrichs von Miinchen von weit- tragender Bedeutung sein wird. Die Handschrift, eine gereimte Weltchronik enthaltend, befand sich in Familienbesitz und war damit der Forschung im wesentlichen entzogen. Sie war entstanden auf dem Run- kelstein und wurde vollendet im Jahre 1394 durch Heintz Sentlinger von Miinchen, der die Chronik des Heinrich von Miinchen dort abschrieb und einen Teil dazu dichtete. Seit 1921 bemiibte sich Leidinger, diese fiir Miinchen ganz besonders kostbare Handschrift fiir die Bayrische Staatsbibliothek zu er werben. Als die Besitzer die Handschrift 1926 offentlich ausbieten lieBen, setzte er alle amt- lichen Hebel in Bewegung, um in den Besitz des Werkes zu gelangen, aber vergeblich.

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1930 | | page 77