362 Die Gefahr war nicht von der Hand zu wei- sen, daB der Foliant schlieBlich noch ins Ausland abwandern wiirde, wenn dieBesitzer keine Moglichkeit sahen, sie nach Miinchen gelangen zu lassen. SchlieBlich gelang es Leidingers Bemiihun- gen, das Antiquariat Jacques Rosenthal fur die Angelegenheit zu interessieren, das eine Sammlung zum Erwerb der Handschrift be- gann und selbst einen namhaften Betrag dazu stiftete. Aus privaten Mitteln und mit Hilfe mehrerer buchhandlerischen Yereine Miinchens gelang schlieBlich der Erwerb des Kodex durch den Bayrischen Yerein der Kunstfreunde (Museumsverein), der sie nun- mehr der Bayrischen Staatsbibliothek als Leihgabe zur Verfiigung stellte, womit Lei dingers jahrelanger Kampf um den Kodex zu schonem Siege gefuhrt wurde. Eine griindliche Studie zur alteren Buchillu- stration legt Helmut Lehmann-Haupt im Verlag Walter de Gruyter, Berlin 1929, vor: sSchwabische Federzeichnungen, Studien zur Buchillustration Augsburgs im 15. Jahrhun- dert«. (225 S. 8°. 3Tabellenundll6S. Abb.) Die Aufgabe, die der Verfasser sich gestellt hatte, war die, alle feststellbaren Augs- burger und sonstigen schwabischen Feder zeichnungen des 15. Jahrhunderts zu unter- suchen und mit dem Augsburger Buchholz- schnitt der gleichen Epoche in Verbindung zu setzen. Der Verfasser stellt zunachst das Nebenein- anderbestehen zweier grundsatzlich verschie- dener Arten der Handschriften-Illustration im 15. Jahrhundert fest: die minutibs aus- gefiihrten Miniaturmalereien in den litur- gischen Handschriften der Zeit und die kolorierteFederzeichnungalsAusdrucksmittel der popularen Illustration in Chroniken, Epen und andern Werken erzahlenden Charakters. AufdenErgebnissenderArbeitenvonKautzsch fuBend, dem Bredt, Zemp, Kleinschmidt, Benziger, Brandt, Vollmer u. a. fur Einzel- gebiete folgten, halt sich der Verfasser fur seine Untersuchung lediglich an das schwa- bische Handschriftenmaterial. Dieses erscheint ihm besonders geeignet, um seineBeziebungenzumAugsburgerHolzschnitt darzulegen, weil,wie es bei Augsburg der Fall ist, »die allgemeine Bliitezeit eines Verlags- und Druckortes mit breiter Produktion sich besser zu einer Untersuchung eignet als ein- zelne kiinstlerisch besonders hochstehende Erzeugnisse, auch wenn das Material quali- tativ auf keiner so hohen Stufe steht.« Der Augsburger Holzschnitt nun bot sich dar als ein »charakteristisches Bild einer groB- ziigigen, handwerksmaBigen Herstellung, die auf die Bediirfnisse der gerade in dieser Epoche rapide wachsenden Schar von Bil- dungshungrigen zugeschnitten ist.« Das erste und zweite Kapitel behandeln dem- gemaB die schwabischen und dann die Augs burger Arbeiten bis zur Jahrhundertmitte, ein eigenes Kapitel ist demBilderkreis derMeister- lin-Handschriftengewidmet,weildiesesWerk, eine Chronik der Stadt Augsburg von Sigmund Meisterlin, zahlreiche Abschriften im Verlauf der zweiten Halfte des Jahrhunderts bis ins 16. Jahrhundert hinein erlebte, wodurch, bei gleichbleibendem Stoffkreis,eine gewisseAhn- lichkeit der bildlichen Darstellungen bedingt war, die nun aber durch die Jahrzehnte hin- durch sich im Stil und der Zeichenweise andern und so beste Gelegenheit zu vergleichender Untersuchung gewahren. Die Untersuchung f iihrt weiter in die fiinfziger Jahre in Augsburg (KapitelIV), zum schwabi schen Handschriftenkreis von 1450 bis 1470 (Kapitel V) und zu den Handschriften des Konrad Miiller von Oettingen. Dann setzt mit Kapitel VII die Epoche des NebeneinandersvonFederzeichnungundHolz- schnitt ein, es erscheinen die Drucker Giinther Zainer, Bamler, Sorg und Pflanzmann mit ihren Holzschnittbiichern,derenIllustration»kunst- lerisch und in alien wesentlichenPunkten auf

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1930 | | page 78