jedoch hat sie anzunehmen, daB die Nachricht gelesen wird, denn dafur wird sie verviel- Fritz Schroder 465 faltigt. Daraus folgt die Aufgabe: die Typographic hat das Lesen so leicht wie eben Von den Grundlagen moglich ZU machen. der Typographic 1st schon die Druckletter deutlicher, klarer, leichter lesbar als die Handschrift, so hat es doch der Typograph noch in der Macht, die Buchseite, den Werbeprospekt, die Anzeige im Sinne leichter Lesbarkeit zu gestalten. Zeilenbreite, DurchschuG und Wortzwischen- raume, auch Sperren sind die Mittel, die einen Text leichter oder schwerer lesbar machen. Sie stehen untereinander in Wechselbeziehungen, verstarken oder mindern sich, und sie sind andrerseits von der Farbe und Struktur des Papiers und der Druckfarbe abhangig. Wie die Form der Druckletter sich in der Richtung der leichten Lesbarkeit entwickelt hat, zeigt ein Blick auf die Friihgeschichte der Druckkunst. In den Schreibschriften der mittelalterlichen Kloster, deren kunstvolle Gestalt wlr noch heute bewundern, hat Guten berg zunachst die Vorbilder fur seine Lettern gefunden. Bald aber wurden die Buchstaben lichter gestellt, was dem Lesen zustatten kam, und der nachste Schritt, die Schaffung der sogenannten ,,Bastarde", namlich der Schwabacher und spater der Fraktur, ist in den ent- wickelteren Formen schon eine ,,typographische" Leistung, ein Schreiber hatte diese Auf- lockerung des Schriftbildes niemals versucht. So hat der Drucker damit die seiner Technik entsprechende Letter erhalten. Und auch in der Antiqua ist es ahnlich gewesen. Die Let- tern von Sweynheim (1465) und Jenson (1471) zeigen noch handschriftlichen Charakter, aber Ratdolt hat 1477 schon eine aufgelockerte Schrift, und alle spateren Lettern haben in alien Charakteren diese Lockerung des Schriftbildes, die groBere Klarheit, die zugleich eine groBere Lesbarkeit einschlieBt. So wurde aus der handschriftlichen Letter des Mittel- alters die typographische Druckletter, und diese ist eine Leseschrift. Aber es mag hier eingeschaltet werden, daB die letzten Folgerungen dieser Tatsachen noch nicht gezogen wurden. Wissenschaftliche Vorarbeiten in bezug auf die Voraussetzun- gen guter Lesbarkeit sind getan, es gilt, dem in der weiteren Entwicklung zu folgen. Die Schrift hat als erste Aufgabe die, gelesen zu werden. Als zweites aber, und das ist nicht minder wichtig, muB die Letter der Technik des Typographen und Druckers, des Stem- pelschneiders und SchriftgieGers und der Setzmaschinentechnik - gerecht werden. Mit der Grotesk hat man wohl die Technik der Schriftherstellung und der Typographic auf eine Formel der konsequenten Sachlichkeit gebracht. Aber in bezug auf die Lesbarkeit ist die Grotesk noch nicht das letzte und die weitere Entwicklung der Schriftformen wird von der technischen Seite abgehen und sich der Lesearbeit zuwenden miissen, wie wir es fur die Typographic selbst fordern. Mit jeder Nachricht, die gedruckt wird, wird eine Absicht verfolgt. Das Buch, die Zei- tung soil gekauft werden, und es wird gekauft, urn gelesen zu werden. Die Vereins- einladung will gelesen und dann befolgt werden, ebenso wie die werbende Nachricht des Kaufmanns, der eine Ware, eine Dienstleistung anbietet, ihren Widerhall im Auftrag finden soli. Damit diese Absicht erreicht wird, der Zweck der gedruckten Nachricht sich erfiillt, muB die Nachricht gelesen werden, und es muB zu der Lesemoglichkeit und der Leseerleichterung noch ein drittes hinzutreten: die Typographic hat den Wunsch zum Lesen zu wecken. Die typographische Pflege desZeitungsbildes.die wohldurchdachte Ausstattung der Buch- und Zeitschriftenseite, die gliedernde, anziehende Aufmachung jeder Akzidenz und jeder Anzeige, sie finden hierin ihre Berechtigung, ja ihre Notwendigkeit und ebenso die sorg- faltige Druckausfuhrung und gute Farbstimmung und die Giite des Papiers. Die Forderung nach Qualitat, nach Vollendung in der Arbeit, ist also nicht eine leere Phrase, sie ist innere Notwendigkeit alles Gedruckten. Aber da es sich hierbei um eine EinfluBnahme auf die Wunschbildung der Menschen handelt, die lesen, kaufen sollen, liegt hier zugleich die starke Bindung an die Zeit und ihren Geschmack, und es liegt hierin die Wurzel fur die verschiedenen Moglichkeiten der Ausgestaltung. Es lassen sich aus sozialer Stellung, traditioneller Bindung, kultureller Stu- fung vielerlei Anspriiche des ,,Publikums" an eine Drucksache erklaren. Diese zu erken- nen, ihnen entsprechend die Drucksache auszugestalten, ist eine schone, zugleich aber durch die standigen Anderungen schwierige Aufgabe des Typographen. Die Lehre hiervon ist noch nirgends entwickelt, wohl aber manche Scheinwahrheit immer wieder mit dem Anspruch einer psychologischen Tatsache wiederholt worden. SchlieBlich bleibt als letzte Aufgabe, die zugleich in die Frage nach dem Sinn der Typo graphic einmiindet, die stimmungsmaBe Beeinflussung des Lesers. Das Werk des

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1931 | | page 45