Dichters will den Leser packen.will ihn vielleicht umstimmen, will von ihm gar ein Stellung- nehmen erreichen - jede werbende Nachricht will uber die stimmungsmaBige Beeinflus- sung des Lesers eine bestimmte Willenshandlung erreichen, weil diese nur durch jene zu erreichen ist. Und so hat die Typographic noch die Aufgabe der stimmungsmaBigen Be- einflussung zu erfullen. Dabei konnen wir heute mit Renner7 sagen, daB es nicht mit der Frage der Typenwahl abgetan ist, ja diese vielleicht nicht einmal so wichtig ist, daB es nicht damit getan ist, eine „zeitgendssische"Type zu verwenden, sondern daB wir mit unsern gegenwartigen Typen - das sind dieTypen.die unsre Gegenwart kennzeichnen - die Stimmung schaffen miissen, denn wir konnen es. Allerdings ist diese Frage zeitgebunden. Zeiten mit starkem Eigenleben werden auch die vergangenen Werke, wenn sie neu auf- gelegt werden, in neue typographische Formen gieBen. Die Ewigkeitswerte dieser Werke sind dannderAnlaB der Neuauflage. Solche Werte abersind auch zu alien Zeiten „modern", sie vertragen also moderne Pragung. Anders werden sich Zeiten entscheiden voller Histori- zismus, da es auf die minutiose Wiedergabe auch aller zeitgebundenen Bestandteile ankommt, und fur solche Zeit hat auch die historische Typenwahl und vielleicht auch eine historisch nachempfindende Typographie ihren Sinn. Wir leben jetzt in einer Zeit, der Geschichte wenig bedeutet. Unsre Gegenwart ist geladen von Geschehen, und da mag die scharfe Zuspitzung Renners recht haben, daB die Druckerei keine Maskenverleihanstalt sei. Die Typographie soli also bewuBt aus sich heraus Stimmungen schaffen, denn jeder Art von Typographie wie jeder menschlichen AuBerung eines Formwillens sind Stimmungs- inhalte eigen. DaB diese iibereinstimmen mit denen des Inhaltes, zeichnet die gelungenen typographischen Arbeiten aus, Disharmonie verdammt die miBlungenen. Aus der Erkenntnis vom Sinn, den Aufgaben, gestalterischen Moglichkeiten und tech- nischen Gebundenheiten erwachst die sichere Stellung, von der aus Werden und Ver- gehen typographischer Stile erklart, kritisch beobachtet und fordernd beeinfluBt werden kann, von der aber auch den Schaffenden neue Anregungen, neue Krafte zustromen. H. A. Kriiger, Leipzig Fragen der Wirtschaftlichkeit im Druckgewerbe Tiefdruck ist modern. Offset ist nicht unmodern. Und Buchdruck ist schon ein wenig alt- modisch." Diese Worte klingen vielleicht etwas hart. Aber sie kommen der allgemeinen, mehr unbewuBten als bewuBten Einstellung nahe, die man heute diesen drei wichtigsten Druckverfahren in Auftraggeber-und Druckerkreisen entgegenbringt; wenigstens soweit es sich urn qualitative, mit Abbildungen ausgestattete Druckarbeiten handelt. Fast jedes Gebiet hat seine Modeerscheinungen. Und es mag eine besondere Aufgabe der Mode sein, uber sachliche Gegenargumente mit einer gewissen Uberlegenheit hin- wegzuhelfen. Auch bei dem EntschluB zur Einrichtung von Offset- und Tiefdruckereien durften vielfach Momente mitgesprochen haben, die sachlich-wirtschaftlichen Erwagungen nicht immer standhalten konnen. Wenn man schon einmal im Zeichen der Arbeitslosigkeit so viel von Uberkapazitat spricht, als einem wichtigen Grund, der den Auswirkungen der Wirtschaftsmisere fur das graphische Gewerbe seine besondere Scharfe gegeben hat, so sollte man nicht zu erwahnen vergessen, daB die beiden modernsten Druckverfahren, Offset- und Tiefdruck, nicht unerheblich an dem Zustandekommen dieser Uberkapazitat beteiligt sind. Das entscheidende technische Entwicklungsstadium dieser beiden Verfahren fallt gerade in die Zeit kurz vor Beginn der gegenwartigen Krise, und die in den Nach- inflationsjahren vorgenommenen Neueinrichtungen von Offset- und Tiefdruckanlagen ubersteigen verhaltnismaBig die in der gleichen Periode im Buchdruck durchgefuhrten Neuinvestitionen urn ein betrachtliches. Was der Offset- und Tiefdruck urn uberhaupt lebensfahig zu sein an Auftragen verbraucht, geht in erster Linie dem Buchdruck ver- loren. Und das ist nicht wenig! Es kann auch nicht wenig sein, weil der Offset- und Tief druck im allgemeinen keine Kleinbetriebe kennt, wie es sie im Buchdruckgewerbe zu a. a. O.

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1931 | | page 46