494 Dr. Hans H. Bockwitz Unleugbar geht der geistige Habitus des Gegenwartsmenschen auf das Sachliche, Uber- Skandal urn Bifur fluB und Uberfliissiges Ablehnende. Die Schonheit der einfachen Linie und Flache als Grenze und ihre Formung werden als Schmuck schlechthin - sagen wir es ruhig, mutatis mutandis - wieder empfunden und wieder gewertet. Es ist zwecklos zu leugnen, daB ein neues Sehen aufgekommen ist. Und diesem Neuen gegeniiber ist nun nichts mit MaB- staben getan, die einer andern Epoche entstammen. Schonheitsideale wandeln sich, wie Bildungsideale, wie politische Ideale, wie alle andern Ideale auch, und es ist ein bequemer Irrtum, alles Neue von vornherein als Mode abzutun. Damit soli nicht gesagt sein, daB die Bifur" von Cassandre der Weisheit letzter SchluB sei. Diese Schrift ist ein Anfang, ein geistreicher Versuch, das logisch-sachlich eingestellte Wollen der Zeit in einer fur Reklamezwecke gedachten Drucktype zum Ausdruck zu bringen. Sie hat das Schicksal gehabt, so heftig angegriffen zu werden, daB man diese An- griffe urn der Sache willen etwas naher betrachten muB. Denn schlieBlich geht es hier urn Prinzipienfragen in der Druckschriftgestaltung. Bifur ein Skandal Georges Dangon, ein Mann der Praxis, erhob in der Tribune des industries graphiques (Dezember 1929) seine Stimme, die SchriftgieBerei Deberny Peignot antwortete bald darauf (Marz 1930), und nun ergreift G. Dangon wiederum das Wort und der schonste Skandal urn eine Druckschrift" - nichts Neues unter der Sonne - ist da. Was aber macht G. Dangon der Bifur" zum Vorwurf? Er ist der Meinung, der Kiinstler habe sich mit dieser Schrift einen Scherz machen wollen, er habe ein Abracadabra von Typen entworfen, die unleserlich seien, unwahrscheinlich anmuteten, kurz, er habe das Publikum zum Narren halten wollen. Solche Worte beriihren zum mindesten merkwiirdig im Vergleich zu dem, was wir soeben in iiberlegten Worten vom Kiinstler und seiner GieBerei horten, Worte, die nicht gut damit abzutun sind, es handle sich urn einen Scherz der Beteiligten. Das ware wohl ein etwas kostspieliger Scherz gewesen. Das Fiasko derBifur" habe sich nun besonders gezeigt in dem Wettbewerb zum Titel- blatt der Weihnachtsnummer des Bulletin officiel de I'union syndicale des maitres impri- meurs. Diejenigen Arbeiten, die hier mit derBifur" gestaltet worden seien, hatten weit unter dem Durchschnitt gelegen. Das sei zugegeben. Aber- bei alien Verdiensten des Bulletin officiel mit seinen Numeros de Noel im Inhalt und hinsichtlich des reichen und guten Beilagenteiles - kein Mensch wird behaupten konnen, daB die typographische Textgestaltung dieser Hefte irgendwie iiber dem Durchschnitt stehe. Wir wissen doch, wie Zeitschriften des Faches in Frank- reich heute aussehen, wie etwa Arts et metiers graphiques oder bibliophile Zeit schriften wie Byblis, Tresors des Bibliotheques, Le Bibliophile, Plaisirs de Bibliophile, ge staltet sind. Der typographische Charakter des Bulletin" aber ist durchaus t rad it ione 11 urn es milde auszudriicken. Es hat also keinen Zweck, der Bifur" die Schuld zu geben, daB mit ihr gesetzte Titelblatter in diesem Rahmen miBlungen sind. Noch weniger aber kann man die Probe auf ihre Leserlichkeit in der Weise machen, daB man, wie es M. Dangon in seiner Eigenschaft als Biirgermeister eines Ortes in Hoch- savoyen tat, die Lehrerschaft beauftragt,Bifur" den Schulkindern in Einzelbuchstaben und in zu Worten zusammengesetzten Lettern zwecks Feststellung ihrer Lesbarkeit vorzulegen. Hier die Resultate, schreibt triumphierend der entriistete Verfasser: verschiedene von den einzeln aufgezeigten Lettern hatten von der Mehrzahi der kleinen Savoyarden iiber- haupt nicht benannt werden konnen, wie N Z Y K X; sie hatten ferner dasA mit demV verwechselt, das B fur eine 3 genommen, das H hatten sie fur die Bezeichnung der II. Wagen- klasse am Eisenbahnwagen gehalten. Das Q allein hatten sie erkannt, aber was wolle das schon besagen, das Q al lei n sei im Alphabet Bifur" der einzige Buchstabe, der sozu- sagen sein Gesicht gewahrt habe. Denn beim Lesen von Worten aus der Bifur" sei es noch viel schlimmer gekommen. Nur mit groBter Miihe hatten die Schiiler sie entziffern konnen, einigen sei es iiberhaupt nicht gelungen. Dabei sei zu bemerken- hier spricht der Biirgermeister-, daB das Departement Haute Savoie niemals analphabetische Rekruten liefere, und in dieser Hinsicht marschiere es an der Spitze der franzosischen Provinzen.

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1931 | | page 74