ABCDEFG OPORRST Zur WELT- ANTIQUA Die Tatsache, daB das deutsche Volk aus einem Gemisch von mehreren Rassen besteht, bedingt es, daB auch seine Kunst und somit seine Schrift ein Ge misch der gleichen rassenseelischen Verschiedenheit darstellt. Da aberim deutschen Volk in iiberwiegen- dem MaBe das Blut des nordischen Menschen pul- siert, muB in der deutschen Kunst und somit auch in der deutschen Schrift die nordische Willenhaftigkeit vorherrschen. Wir beurteilen heute die Charakter- unterschiede Fraktur-Antiqua unter wesentlich neuen Gesichtspunkten. Es beginnen sich Gedanken durch- zusetjen, die vor allem wegstreben von der alten schematischen Teilung nach Stilarten. Wir erkennen aus der aufrechten, monumentalen Haltung unserer Antiqua-Versalien den Geist der Antike wieder, der seinen vollkommensten Ausdruck in den Bauten und Kunstwerken Griechenlands fand. Diese Feststellung ist insofern wichtig, weil immer wieder von meist unkundigen Menschen versucht wird, die Antiqua als vollig undeutsch zu bezeichnen. GewiB muB der Fraktur das Recht zuerkannt werden, als die deutsche Schrift schlechthin zu gelten, aber wir diirfen weder in unserer Liebe, noch in unserer Abneigung die Grenzen vernunftgemaBer Beurteilung iibertreten. Es ist selbstverstandlich, daB wir auf Grund unserer geographischen Lage, unserer Kultur und unserer Fiandelsbeziehungen zu den ubrigen Volkern der Welt, die Antiqua brauchen. Wir wiirden uns selbst aufs Schwerste schadigen, wenn wir die von alien Kulturvolkern benutjten Verstandigungszeichen der Antiqua vernachlassigen wollten. Welche Bedeutung der Antiqua als Weltschrift beizumessen ist, geht daraus hervor, daB Volker mit Nationalschriften, wie Japan, Turkei, RuBland usw. in stets fortschreitendem MaBe sich ihrer bedienen. Aus Obigem ergibt sich, daB wir erstens die Antiqua nicht als rassefremd ab- zulehnen brauchen und zweitens, daB ihre Pflege gleichsam die Erhaltung und Erneuerung jenes Ver- standigungsmittels bedeutet, das im Verkehr mit den ubrigen Volkern der Erde einzigartig ist. Alle diejenigen, welche sich lange Jahre und eingehend mit Schrift befaBten, wissen, daB wir an eine Entwicklung oder vielmehr an ein bestimmtes Entwicklungstempo gebunden sind, das mit dem Vorwartsschreiten des Ganzen Schritt halt. So liegt zwischen der Capitalis quadrata und der Fialb-Un- ziale ein halbtausendjahriger Weg und von dieser wiederum bis zur humanistischen Minuskel ein Weg von etwa achthundert Jahren. Seit annahernd fiinf- hundert Jahren steht die Urform unserer heutigen Antiqua fest. Wahrend dieser Zeit haben sich ver- schiedene Spielarten der Antiqua herausgebildet, die in der FJauptsache durch den jeweiligen Zeitstil bedingt waren. Die uberlieferte Urform muBte aber insofern immer wieder zu ihrem Rechte kommen, als die mit der symbolhaften Bedeutung der Schrift verkniipfte auBere Erscheinung keineswegs Zufall, sondern notwendiges Glied eines logischen und psychologischen Zusammenhanges ist. Unsere uber lieferte Antiqua birgt im Innersten ein wunder- volles, unglaublich fein geordnetes System von Be- deutungen, Beziehungen und Formen, das mit dem Verstande allein nie zu erfassen sein wird. Gait die Erfindung der symbolhaften Bedeutung des Schrift- zeichens, so verlieh die Durchfiihrung der Schrift dem Zeichen erst wirkliche Gestalt und besonderen Rhythmus. Eine Summe von gegenseitigen Bezie hungen ist in der Urform der Schriftzeichen ver- borgen. Lost man diesen Zusammenhang durch will- kiirliche Neuerungen auf, so tritt eine automatische Hans Wagner, Altenburg i. Thiir Weltantiqua der SchriftgieBerei

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1934 | | page 60