162 zeitige kennt. Er war geboren in einer Zeit des schlimm* sten künstlerischen Verfalls, der wie alie Gebiete auch das der Schrift* und Buchkunst erfaBt hatte. Die „Zivili* sation", die wirtschaftliche und gesellschaftliche Um< schichtung war in keiner Weise begleitet von der künst* lerischen und kulturellen Entwicklung. Der blendende Glanz der„Technik" hatte fast durchweg den Blick ftir das Echte und GroBe wahrer Form getrübt. Überall herrschten mangelndes Verstándnis für Material, hand* werkliche Übung und Zweckbestimmtheit, Abirrung vom Notwendigen und Unbedingten in den Wirrwarr des ÁuBerlichen und des „Schmuckes", Talmiglanz und prahleriscbe Pracht, die doch nicht die innere Hohlheit verdecken konnten. Schrift und Druck machten die neue Mode bewuBt mit, ja empfanden bei ihren erschrecken* den „Kompositionen" nicht geringen Schopferstolz. Die Schrift, der „Grundstoff alien Druckwerks", war safo und kraftlos geworden, zur schmalbrüstigen und knickebeini* gen Type entartet, die das Wesentliche und Charakter* volle überlieferter Form vollig verzerrte und verweich* lichte. Die bedruckte Fláche war dürftig und ohne Ton* wert und erlag widerstandslos dem Ansturm des ebenso pomphaften wie beziehungslosen Schmuckes. In Zeiten des Niedergangs fehlt es niemals an Menschen, die widersprechen und zur Besinnung mahnen. Aber ehe ein wirklich Neues geschaffen werden kann, wird meist der Versuch gemacht, aus dem unerschópflichen Schatze groBer Überlieferung das Gute und Anerkannte herüber* zuretten. Eine derartige Bewegung wird aber immer eine mehr oder minder asthetische bleiben, sie kann sich nicht verwurzeln, weil sie nicht mit Willen und Ausdruck der Zeit und der Menschen verknüpft ist. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war es die sogenannte Münchener Renaissance, die dem künst* lerischen Verfall dadurch zu begegnen suchte, daB sie den Reichtum und die Schonheit künstlerischer Form vom Anfang des 16. Jahrhunderts wieder zum Leben zu er* wecken trachtete. Eine Schar ausgezeichneter Mánner (Kunstgelehrte wie Butsch und Muther, Verleger und Drucker wie Georg Fdirth, Fdutler, Wallau, Schrift* gieBer wie Genzsch und Heyse, Künstler wie Hupp und Konig usw.) widmeten sich begeistert der neuen Aufgabe. Sie übersahen einsein groBer und vollendeter Stil kann nur dann mit Erfolg über die Jahrhunderte hinweg einer neuen Zeit eingepflanzt werden, wenn die gleichen geisti* gen, ókonomischen und soziologischen Voraussetzungen gegeben sind. Das wird niemals oder nur ganz selten der Fall sein. Und so blieb auch die Münchener Renaissance in der Romantik stecken, ohne zur Reformation zu werden. Áhnlich ging es der zweiten, ernsthaften Bewegung, die von William Morris ihren Ausgang nahm. Auch er lebte und arbeitete in einer vergangenen Formwelt, die lebendig und gegenwartsfroh zu machen ihm versagt blieb. Aber ein Verdienst hat er, das von gróBter geschichtlicher Be* deutung ist, wenn es sich auch erst im Laufe der Jahre auswirkte. Er lehrte die Achtung vor dem Material, vor dem Ffandwerkszeug, weil er ihre formgestaltende und zweckbestimmende Bedeutung klar erkannte und diese durch schlechthin meisterliche Schopfungen bewies. In dieser Hinsicht war Morris seiner Zeit weit voraus und hat Pionierarbeit geleistet, die wir heute noch dankbar nützen. Neben diesen ckünstlerisch betrachtet) retrospektiv arbei* tenden Bewegungen stand eine andere, die sich mühte, aus der Zeit heraus und im Geiste des lebenden Ge* schlechtes das kulturelbkünstlerische Bild zu gestalten. Es ist der so viel verspottete und verlásterte Jugendstil. Wir kennen seine Fehler und seine bosen Entgleisungen. Es ist aber ungerecht und ungeschichtlich, zu übersehen, was der Jugendstil wollte und nach und nach erreichte. Er wollte wieder ein wirkliches künstlerisches Ausdrucksleben schaffen, er wollte alien Künsten und Gewerben einen zeitnahen und zeitverwachsenen Stil schenken. DaB dieses Streben vielfach versandete in einen óden und geschmack* losen Wust an Linien und Wellenformen, an torichten Motiven und Überladung - das sind Ubergangserschei* nungen, die uns heute unverstándlich sind und nur ent* wicklungsgeschichtlich gewertet werden konnen. Das Wesentliche sind die künstlerischen Personlichkeiten, die Tráger der neuen Gedanken waren, und aus ihnen sind die Mánner entwachsen, die in unserem Jahrhundert das Neue schaíften, vor allem die Mánner, denen Deutsch* land die beispiellose Entwicklung auf dem Gebiete der Schrift* und Buchkunst mitverdankt. Genau um die Jahrhundertwende erschien die Schrift, die zu den „Geschichte*machenden" gehort und deren Erfolg wohl ohne Beispiel ist, die Eckmann*Schrift. Wenn auch Otto Eckmann nicht unmittelbar dem Jugendstil zuzu* rechnen ist, war seine Formgebung diesem doch ver* schworen. Das verrát seine Schrift in manchen Einzel* heiten. Aber sie war seit Jahrzehnten zum ersten Male wieder eine wirkliche künstlerische Schopfung. Jeder Buch* stabe hatte eigenes, kraftvolles Leben, hatte Kontur und Plastik, und die gedruckte Fláche zeigte einen klaren und bewuBten Tonwert, der auch von dem reichen Ornament* werke im Geschmack der Zeit nicht erdrückt werden konnte. Mehrere Monate spáter folgte - wiederum bei Gebr. Kling* spor - eine zweite nicht minder eindrucksvolle Schrift, die Behrens*Schrift. Obwohl auch Behrens wie Eckmann in seinen Anfángen von der Malerei herkam, macht sich doch seine baukünstlerische Veranlagung klar bemerkbar.

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1938 | | page 2