178 gestrengter Leistung sein Aufgabenfeld. Wie vom Geisti< gen gilt dies auch vom Technischen. Wenn man berück* sichtigt, daB Stratils entscheidende künstlerische Entwick* lung in jene ersten Nachkriegsjahre fiel, in denen das die Bande der StoíTlichkeit sprengende Gefühl alies, das solide handwerkliche Konnen, die Richtigkeit der Zeichnung aber gar nichts galt, und wenn man weiterhin bedenkt, wieviel tüchtige Begabungen unter der Fehlleitung ihrer Lehrjahre selbst heute noch zu leiden haben, so erkennt man klar, daB Stratil den Weg zur Meisterschaft nicht aus blindem Zufall gefunden hat, sondern ihn in zielstrebiger innerer Sicherheit beschritten hat. Karl Stratil ist Sudetendeutscher. In seiner Kunst scheint noch etwas von jener warmen Sinnlichkeit zu schwingen, die wir ais typisch ósterreichisch empfinden: das Unbe* schwerte, die Grazie, die Abneigung gegen die gedank¡ fiche Spekulation, das Draufgangertum. Es ist, ais ob die Gestaltungskraft ihren Weg unmittelbar vom inneren Ge* sicht zur schopferischen Hand, nicht den Umweg über die Kontrolle des grübelnden, mitunter zersetzenden Ver* standes náhme. Keineswegs ist damit behauptet, daB die Welt, in der er zu Hause ist, vornehmlich oder gar aus* schlieBlich die heitere und sonnige sei; ihm liegt ebenso* sehr das Dámonisch*Phantastische wie das SpukhafbUn* heimliche und das SkurribGroteske. Obgleich er seinen Rang unter den Künstlern der Gegen* wart so gut wie ausschlieBlich seinen graphischen Arbeiten verdankt, ware es doch ein Irrtum, annehmen zu wollen, daB sie sein Leben ausfüllen. Er betátigt sich ais Portrát* maler; von seinen Reisen, die ihn alljáhrlich in die Welt hinausführen denn nichts, das ist seine Überzeugung, ist dem Künstler gefáhrlicher ais das Sich*Verliegen, das Einpuppen und Einkapseln bringt er gefüllte Skizzen* bücher und Mappen von Studienbláttern und Aquarellen nach Hause. Hier schafft er in Wahrheit „frei", unab# hángig von dem Gedanken an Verwertung, losgelóst von alien „praktischen Zwecken". Auf Ausstellungen wird man seinen Ñamen vergeblich suchen, obgleich seine Ar* beiten den Wettbewerb der Mitstrebenden keineswegs zu scheuen haben, - es ist wohl die Empfindlichkeit des Künstlers, der sich innerhalb seines Arbeitsfeldes einen engeren Bezirk abgrenzt, der von allem, was auch nur ent* fernt nach Marktgangigkeit aussieht, verschont bleibt. Aber die Fruchtbarkeit für seine buchkünstlerische Arbeit liegt auf der Hand: auch sie bedarf ja der Eindrücke von auBen, immer neuer Erlebnisse im Reiche der Natur und in der Welt der Menschen, die nach Gestaltung drángen. Auch der Illustrator Stratil bewahrt seine Vorliebe für die Bildniskunst, die Freude an dem Herausarbeiten der cha* rakteristischen Züge eines Menschenantlitzes, das Wissen um die magische Einheit von Korper, Geist und Seele. Gegenwart verholfen haben. Es sind deren zwei. Der erste liegt in einem immer wieder in Erstaunen setzenden An* passungs* und Einfühlungsvermogen, in einer Vielseitig* keit, die den heterogensten Themen gleichermafien ge* recht wird, in einer Fruchtbarkeit der Phantasie, die jeden Vorgang, jede Stimmung, die das Wort des Dichters be* schwort, in das BildmaBige umzusetzen vermag. Ein au* Berst glückliches künstlerisches Temperament unterstützt diese Begabung, aber zugleich auch eine strenge Selbst* zucht, die sie planmáBig und sinnvoll auswertet. Damit berühren wir schon den zweiten Punkt. Wie jeder echte Künstler weiB Stratil wohl, was er seiner schopferischen Anlage zu danken hat, aber er verláBt sich nicht darauf, daB ihn die Inspiration, die gottliche Eingebung den rech* ten Weg führen wird, sondern er erarbeitet sich in an* Holzschnitt zuC. F. Meyer, Novellen (Philipp Reclam jun. Verlag, Leipzig)

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1938 | | page 26