163 Schon die Teclinik ist kennzeichnend. WáhrendEckmann den Buchstaben mit dem Pinsel entwarf, griff Behrens zu dem alten schreibgemáBen Werkzeug der breitgeschnití tenen Kielfeder. Handwerkliche Teclinik und Werkzeug sind wesentlich formschafFend und íbestimmend, mindeí stens formfórdernd. So erscheint die BehrensíSchrift herí ber, schárfer umgrenzt, einfacher und konstruktiver ais die Eckmannsche. Sie ist nicht mehr eine Übergangsí erscheinung, sondern bereits ein gültiger Ausdruck der neuen Zeit und ihres künstlerischen Wollens. Beide Schriften fanden anfangs in den Fachkreisen keinesí wegs willig^ und bereite Aufnahme. Es machte sich vieb mehr heftiger Widerspruch kund. Das Handwerk beí trachtete den Künstler ais Eindringling, ais einen wesensí fremden Anspruch, gegen den sich der Standesstolz wehrte. Wie es der SchriftgieBerei nicht geringe Mühe kostete, den Stempelschneider an die neue künstlerische Formgebung zu gewdhnen, so widersetzte sich auch zuí náchst der Buchdruck einer Schriftform, die dem Geí wohnten schroff entgegengesetzt war. Um so leidenschaftí licher bekannten sich Kunstverstándige und Kunstschafí fende zu den Schriften, in denen der Geist der neuen Zeit sichtbaren Ausdruck gewonnen hatte. Unsere Zeit konnte sich ein Beispiel daran nehmen, daB damals manche Kunstí und Kulturzeitschrift ausführliche Würdigungen der neuen Schriften brachte und sich fórdernd für sie eim setzte, in der Erkenntnis, daB die Schrift ais ein alien zuí gángliches Mittel künstlerischer Gestaltung ein sehr wesentliches Instrument bildender Form schlechthin ist. Ais dann auch fortschrittliche Drucker und Verleger sich zu der neuen Schriftkunst bekannten, war der Wandel bald vollzogen. DaB die bahnbrechenden Schdpfungen Eckmanns und Behrens' viele und zum Teil recht geí schmacklose Nachahmungen fanden, ist eine Erscheinung, die leider in der Geschichte der Schrift bis in die neuesten Tage immer wiederkehrt. Es wáre durchaus irrig, wenn man das Schriftschaffen im Gesamtwerke Peter Behrens' ais eine gewissermaBen nebensáchliche, mindestens nur nebenherlaufende Aní gelegenheit betrachtete. Behrens hat von der Schrift und ihrer Form sehr viel gehalten. Von ihm stammt das Wort, daB „die Schrift, nachst der Architektur, wohl das am meisten charakteristische Bild einer Zeit und das strengste Zeugnis für die geistige Entwicklungsstufe eines Volkes" gibt. So hat er sich sehr eingehend mit der Geschichte der Schrift, vor allem mit ihrer Technik und der aus ihr entí wachsenden Bedingtheit bescháftigt. Die technischíkoní struktiven Feinheiten des MeiBels oder des Pinsels oder der Breitfeder erkannte er ais „ásthetische Prinzipien", die über die Fíandschrift auch die Druckschrift willig und bewuBt übernahm. Gerade in derartigen Feinheiten sah er Wesentliches zur Wahrung und Erhaltung charakterií stischer Form. Darum war ihm das krampfhafte Suchen nach „neuer" Form in der Schrift ganz zuwider (wie er auch in der Baukunst Formgesetz und konstruktive Formgebung der Vergangenheit ais Gegebenheiten anerkannte und seiner Zeit dienstbar machte). Nirgends erschien ihm die Überí lieferung so stark und daher so wertvoll wie in der Schrift. „Wir alie haben uns, so lange wir lesen konnen, an einen Schriftcharakter gewohnt, und jedes Pünktchen oder Strichelchen, das an einem Buchstaben fehlt, mehr daran oder anders ist, stort uns, wie uns ein neuer Schuh drückt, obwohl er nicht besser passen konnte." Deshalb wird nur ein Schriftcharakter, der „sich organisch, fast unmerklich aus der Tradition heraus, im Einklang mit der Neugestab tung des geistigen und materiellen Stoffes der ganzen Zeit entwickelt, von Bedeutung sein und „mehr ais eine Spielerei gewertet" werden konnen. Gegen die BehrensíSchrift (wie auch gegen die Eckmanns) erheben die strengen Vertreter deutscher Schrift den Vori wurf, daB sie Mischschrift sei, daB in ihr der gotische Grundcharakter durch Zutaten von Seiten der Unziale oder der karolingischen Minuskel entstellt worden sei. Das mag zutreffen. Damals war aber das Verstandnis für die Wesenheit deutscher Schrift noch nicht so verbreitet wie heute. Entscheidend war vielmehr, daB überhaupt wieder eine wirkliche Form gestaltet wurde, eine Schrift, die doch unbedingt ganz deutsch ist, mag in dieser und jener Einzelheit ein Anklang an die Dnziale oder die Alinuskel zu spüren sein, die im übrigen beide ja auch nicht ais um deutsch bezeichnet werden konnen. Niemals aber waren wir im Laufe der nachsten drei jahrzehnte zu der Fülle herrlicher deutscher Schriften gelangt, wenn nicht durch die Gebr. Klingspor mit den Schriften von Eckmann und Behrens die Pionierarbeit geleistet worden ware. Behrens hat sich in den nachsten Jahren trotz einer Fülle baukünstlerischer Aufgaben weiter lebhaft mit der Schrift und ihrer Fechnik bescháftigt. Zusammen mit F. H. Ehmcke und Anna Simons leitete er 1906 und 1907 in DüsseldorfSchreibkurse fürLehrer an Kunstgewerbeí und Fachschulen, die sich 1909 in Neubabelsberg fortsetzten. Er ging hierbei nach dem Vorbild Larischs ganz plañí máBig vor und vervollkommnete sich so immer mehr in Technik und Form. Die Frucht dieser eingehenden und ernsten Arbeit waren drei weitere Druckschriften, die er für Gebr. Klingspor entwarf: die Kursive vom Jahre 1907, die Antiqua von 1908 und die Mediával von 1914. Es wáre eine sehr reizvolle Aufgabe, Charakter und Wesenheit dieser drei Schriften mit den jeweiligen bauí künstlerischen Schopfungen des Meisters zu vergleichen. Man würde hierbei zu überraschenden Gleichheiten

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1938 | | page 3