164 kommen - ein Zeichen, wie stark in den bescheidenen MaBen und Verháltnissen des Buchstabens die formgestal* tenden und formbestimmenden Grundsátze der groBen Kunst sich auswirken. Wáhrend die Behrens ¡Schrift aus der Frühzeit die lineare Herbheit eines geometrisch gerichteten Baustils aufweist, ist die Kursive wesentlicb dekorativ empfunden. Ihre Rundungen sind aus der Abschleifung der harten Bre* chungen und Beugungen der ersten Schrift entstanden, so daB ein rhythmischer FluB gebogener Linien in edlem GleicbmaB die Zeile füllt. Ganz anders die Antiqua. Sie ist eine ausgesprochene Architekten*Schrift. Wohl bat Bebrens klassische Vorbilder eifrig und bewuBt studiert und für die Antiqua wichtige Anregungen dem codex argenteus entnommen. Aber seine Schrift ist in Zu* sammenarbeit mit der facblichen und geschmacklicben Erfahrung der SchriftgieBerei etwas ganzNeues geworden. Wábrend die gleichzeitigen Antiquaschriften eine strenge Gleichmáfiigkeit des Schriftkorpers, vor allem in den Versalien, anstrebten, zeigt die Behrens* Antiqua bewuBt ungleiche AusmaBe, um ein rhythmisch bewegteres Bild zu erzielen. Mit Recht konnte daher auch die Schrift* gieBerei in einem Geleitwort von „Antiquaformen des germanischen Kulturkreises" sprechen, also von einer deutschen Antiqua im Gegensatz zu den fremdlándischen Formen, die damals auch in Deutschland den Markt be* herrschten. Gerade die Anklange an die Unziale verleiben der Schrift einen besonderen Reiz, sie hat etwas „Gemau< ertes", eine Art Monumentalitát, wie sie nur wenige Schriften erreichen. Die wohl schonste Schrift ist die letzte. Behrens bat die Mediával bereits 1909 entworfen, sie ist aber erst 1914 fertig geworden. Da sie kurz vor Kriegsausbruch erschien, hat sie nicht die Beachtung gefunden, die sie verdiente. GewiB verrát auch sie die sichere Hand des formenden Architekten. Aber sie bat alie Strenge, die die vorangegan* genen Schriften kennzeichnet, verloren. Die Mediával ist von einer Anmut, wie sie kaum eine Schrift jener Zeit aufzuweisen hat, zugleich aber hat sie eine edle und groBe Form, so daB sie bei allem Liebreiz etwas wahrhaft Er* habenes besitzt. Der Bau jedes einzelnen Buchstabens, vor allem in den Versalien, trágt durchaus personlichen Cha* rakter. Alie Schwere und Strenge, die der Antiqua*Schrift entspricht, ist gewichen. Zarte Schwellungen in den Ge* raden und Segmenten, lichte Abstriche in zierlicher Schráglage, bewuBt vorgenommene Endverdickungen (wie sie das empfindliche Pergament unter dem natürlichen Drucke der Breitfeder des mittelalterlichen Buchschrei* bers aufweist), fest hingesetzte Anstriche bei vielen Ge* meinen, dazu der rhythmische FluB in Bogen und Schrág* richtung aller Buchstaben - das alies ergibf ein selten harmonisches Gesamtbild. Die Schriften Peter Behrens' haben in vielen Offizinen des In* und Auslandes ihren Einzug gehalten und werden zum Teil auch heute noch gerne verwendet. Manche buch* und druckgeschichtlich bedeutsamen Werke (z. B. des Ver* lages Eugen Diederichs oder die gewaltige Festschrift zum Kruppjubiláum von 1912, die ausgezeichnet gedruckte Gedenkschrift für Emil Kirdorf usw.) umschreiben ihre geschichtliche und bleibende Bedeutung. Wie gegenwarts* nahe die Mediával ist, bewiesen groBe Einblattdrucke, die das Schriftmuseum Blanckertz im Vorjahr in seiner ver* dienstvollen Behrens*Ausstellung zeigte. Auch auf der Pariser Weltausstellung wurden derartige Blátter viel beachtet. In den letzten 2 y Jahren hat Behrens keine neuen Druck* schriften entworfen. Die baukünstlerischen Aufgaben be* anspruchten ihn ganz. Aber wo immer er Architektur und Schrift in Verbindung brachte, zeigte sich sein Verstánd* nis und seine Liebe zu den Buchstaben, in deren voll* endeter Gestaltung er den Ausdruck aller formbestim* menden Grundsátze wahrer Kunst erblickte. So ist es eine Ehrenpflicht aller, die mittelbar und un* mittelbar der Schrift*, Druck* und Buchkunst dienen, des Meisters an seinem Ehrentage zu gedenken, der wesent* lich beigetragen hat zu dem hohen Stande, den die Schriftkunst Deutschlands im Laufe dieses Jahrhunderts erreicht hat.

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1938 | | page 4