166 Post*Fraktur, die Alte Schwabacher, die Koch*Antiqua, die SonderdruckíAntiqua (Nicolás Cochin) und manche andere. In ihnen alien findet das Gefühlsbetonte, zum Teil Widerlogische, das einen Hauptzug des Volksliedes bildet, sichtbaren Ausdruck. Die skizzenhafte Ausführung, die teilweise paradoxen Federzüge des Schreibduktus sind Symbol für die „Würfe und Sprünge", wie Herder die unlogischen Verbindungen und Verknüpfungen des Volksliedes genannt hat. Das andere Extrem hierzu bildet die Dichtung, die sich vorwiegend an den Verstand wendet, also die rationale, kühle, klassische Dichtung, die keinen Gefühlsdurch* bruch duldet und meist in die historischen Formen Sonnett, Elegie usw. - gegossen ist. Die Bándigung des Dichterisch*Drángenden durch die Form kann nicht besser dargestellt werden ais durch eine gebándigte, form; vollendete Schrift. Den ausgeprágten Typus dieser Gat* tung bildet die Grotesk, und es liegt durchaus in der Tendenz des AusdrucksmáBigen, wenn derjenige Dichter, der die kühle, leidenschaftslose Dichtung bis zur letzten Konsequenz vorgetrieben hat, Stefan George, für seine Werke eine Grotesk, die allerdings mit einigen Eigem heiten besonders gegossen worden ist, vorgeschrieben hat. An sonstigen formstrengen Schriften, sowohl Fraktur* ais Antiquaschriften, gibt es eine so groBe Anzahl, daB eine Nennung von Beispielen hier überflüssig ist. Zwischen diesen beiden Grenzfallen lassen sich alie übri* gen Arten der Lyrik einordnen, und es ist nur eine Frage der Einfühlung, das Richtige zu treffen. Dem Setzer wird es eine groBe Freude machen, sein eigenes Urteil über die Eignung der für einen Gedichtband vorgeschriebenen Schrift abgeben zu dürfen, wenn er nicht gar die Ent* scheidung darüber selbst treffen und die Ausstattung selbst festlegen darf. Der Schriftgrad, der unter anderem auch von dem Format der Buchseite und dem Schriftbild abhangig ist, ist nicht ohne Beziehung zum Stofflichen. Für feierliche Gesánge, Hymnen usw. wird man ihn groBer wáhlen ais für idyh lische Lyrik oder personliche Lieder. Die abstrakte und ins Transzendente weisende, ewiggültige Wahrheiten ver* kündende Dichtung hat einen groBeren geistigen Eíabitus ais die ein individuelles Verhaltnis besingende kónnte dies besser ausgedrückt werden ais durch die Schrift, die dem stummen Gedanken Korper und Stimme verleiht? Ais für Gedichte besonders geeignet sei hier noch die Kursiv genannt, die das Rhythmisch*Bewegte vielleicht am besten zum Ausdruck bringt. Doch solí man sich hüten, solche Angaben ais allgemeingültige Rezepte auf zufassen. Wir müssen über die Verwendung der ge* eigneten Schrift von Fall zu Fall entscheiden, denn gerade auf die Erfassung der Feinheiten, der unterscheidenden Nuancen kommt es uns an, um die Ausdrucksfáhigkeit der Schrift voll auszunutzen und dem Autor wirklich einen Dienst zu erweisen. Wenn auch die Wahl der Schrift einer der wichtigsten Punkte ist, wo dem Setzer bzw. Buchkünstler oder Ver* lagshersteller ein Eingriff in die Intentionen des Autors zum Zwecke der Ausdruckssteigerung moglich ist, so gibt es doch noch eine Anzahl weiterer satztechnischer Fragen, die unter dem Gesichtspunkt des Gestaltens von innen heraus neue Bedeutung gewinnen. Diese sollen hier nun vor allem erórtert werden. Die Frage, ob die Verszeilen mit grofen oder kleinen Am fangsbuchstaben zu beginnen sind, ist bisher meist nur vom Standpunkt des ásthetischen Eindrucks (Bildung einer Schmuckleiste am linken Rand des Satzspiegels durch die Versalien) oder der Vorschriften im Duden betrachtet worden. Viel sinngemáBer ist es, das Verfahren des Dich* ters zu beobachten und zu untersuchen, ob haufig Enjambement, also Hinüberlaufen eines Satzes oder ge* schlossenen Satzteils über mehrere Zeilen, vorkommt, wobei also am Versende keine Satzzeichen und sehr oft sinn*unbetonte Worter stehen. Der typische Vertreter die* ser Dichtart ist Rainer Maria Rilke, dessen Zeilen Ich konnte auch noch die Sterne fassen in mir; so groB scheint mir mein Herz; so gerne lieB es ihn wieder los hier ais Beispiel stehen sollen. Es ist klar, daB bei solchen Versen die groBen Anfangsbuchstaben sich dem fort* laufenden Rhythmus stórend entgegensetzen; die Ab* teilung in Verszeilen genügt, um die vom Dichter ge* wollte kleine, fast unmerkliche Stockung im Sinnablauf zu markieren. Decken sich dagegen die Verszeilen in der Mehrzahl der Falle mit geschlossenen Sátzen oder Satz* teilen (worunter auch Perioden, die dem Sinne nach Satzteile sind und nicht durch Satzzeichen abgetrennt zu sein brauchen, zu verstehen sind), so ist es besser, alie Zeilen mit Versalien zu beginnen. Bei vielen Versarten, wie fünffüBigen Jamben, Hexametern, Distichen, ist dies der Fall. Goethe solí hier das Beispiel liefern: Jeden freuet die seltne, der zierlichen Bilder Verknüpfung, Aber noch fehlet das Wort, das die Bedeutung verwahrt. Ist es endlich entdeckt, dann heitert sich jedes Gemüt auf Und erblickt im Gedicht doppelt erfreulichen Sinn. Bei Antiquasatz ist der Brauch, das erste Wort des Gedichts in Versalien oder Kapitálchen zu setzen, haufig festzustellen. Er ist rein aus ásthetischen Gründen herzuleiten und sollte lieber fallengelassen werden, da er das oft sinnlich belang* lose erste Wort über Gebühr hervorhebt. Ein leichtes Un* lustgefühl beim Lesen ist die Folge dieser unbegründeten Überbetonung. Das gleiche gilt bei Versaliensatz der

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1938 | | page 6