167 ganzen ersten Zeile, doch muB man diesem eine gewisse Berechtigung zuerkennen, wennes sichum Gedichte ohne Uberschriften liandelt. Die erste Zeile vertritt dann die Überschrift, doch konnen dabei auch recht unglückliche Losungen entstehen, deren Nichtgefallen auf inhaltliche Gründe zurückzuführen sind, die hier nicht náher er ortert werden konnen. Die Überschrift selbst ist das Sorgenkind des Dichters und auch des Setzers, denn das Verháltnis, in dem sie zum Text des Gedichts steht, ist oft so problematisch, daB eine gute Losung für ihre Stellung nur schwer ge* funden werden kann. Der Vorschlag Rilkes, den Titel des Gedichts jeweils auf besonderem Blatt zu bringen, wie dies früher oft in franzósischen Büchern geschah, wird schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht durchzuführen sein, ebensowenig das Verfahren, die Überschriften auf die linken und die Gedichte auf die rechten Seiten des Buches zu setzen, was den etwas unangenehmen Eindruck eines Tafelwerkes hervorruft. Es wird also dabei bleiben müssen, den Titel über das Gedicht zu stellen, aber wir wollen uns angewóhnen, recht viel Raum dazwischen zu lassen. DaB jedes Gedicht eine Seite für sich beansprucht, weil es ein in sich abgeschlossenes künstlerisches Gebilde darstellt, ist eine selbstverstándliche Forderung; nur im Notfalle solí davon abgewichen werden. Gegen die Initiale ist von der Seite des Inhaltlichen nichts einzuwenden, wenn sie aus den reinen Schriftzügen be* steht, auch nicht, wenn sie vom Buchkünstler eigens für das betreffende Gedicht gezeichnet ist und bildliche Dar* stellungen enthált. Jene Initialen in HeinrichV ogeler*Manier mit Háuschen, Báumchen und Blumenranken wird der moderne Buchgestalter sowieso nicht mehr verwenden. Ein Punkt, dem besondere Beachtung geschenkt werden muB, ist der ZeilendurchschufNichts kann die Stimmung des lyrischen Gedichts so stark beeintráchtigen ais ein falsch, meist zu eng gewáhlter Zeilenzwischenraum. Jenes Unsagbare, das, mit den Worten nur angedeutet, zwischen den Zeilen schwingt und das Wesen der Dichtung aus* macht, braucht Raum, um wirken zu konnen. Ein Gedicht muB atmen konnen, es erstickt sonst, denn es ist ein sehr zartes Gebilde. Wenn auch die Wahl des Durchschusses mit von der verwendeten Schrift abhángig ist, so solí doch stets der Gedanke des lyrischen Gehalts an erster Stelle stehen. Dichtungen epischen, also erzáhlenden Inhalts konnen, ja sollen dagegen viel gedrángter gesetzt werden; hier sagt der Dichter viel mehr und láBt den Leser weniger selbst mitarbeiten: der Raum für den freien Gedanken* Bug kann beschránkt werden. Wenn dieses Bild etwas materialistisch anmutet, so büBt es dadurch nichts von seiner Richtigkeit ein; jeder kann sich durch aufmerksame Lektüre und sorgfáltige Selbstbeobachtung davon über* zeugen. Rilke sagt einmal in einem Brief an seinen Ver* leger, daB die Zeilen und Zeilenzwischenráume „wie aus dem Lautgesprochenen projiziert" erscheinen müBten; er meint damit das Gleiche. Auch die Festsetzung des Zwischenraums zwischen den einzelnen Strophen müBte in gewisser Beziehung von den stofflich*sinnlichen Gegebenheiten des Gedichts abhángig gemacht werden. Praktisch wird dieser Umstand aber dem Bereich des Buchgestalters entrückt sein, da eine Variabili* tát, die nach inhaltlichen Erfordernissen stets notig ware, aus ásthetischen Gründen nicht angángig ist. Über den Gebrauch der Satzzeichen wird meist, aber nicht immer der Autor oder der Herausgeber der Gedichte das letzte Wort sprechen. Wenn der Druckerei nach dieser Seite hin ein weiterer Spielraum gewáhrt ist, dann heiBt es: nicht kleinlich sein! Dichtung ist ja Verklárung, Stilisierung des Lebens; Kleinliches, Unwichtiges muB zurücktreten. Man kann dann nicht immer streng die Regeln beachten, sondern muB sich von groBeren Ge* sichtspunkten leiten lassen. Wenn moglich also, dann keineApostrophe, keine Semikola; dieGedankenstriche moglichst kurz! Niemals aber suche man, wenn der Autor seine eigenen, von den üblichen Regeln abweichenden Grundsátze hat, diese zu verbessern, damit uns nicht nochmal der Vorwurf der „immer etwas eigenmáchtig phantastischen Drucker*Intelligenz" auch ein Wort Rilkes! - gemacht wird.DerDichter kennt denAusdrucks* wert der Satzzeichen viel besser ais wir Buchdrucker! Es ist bei besonders tangen Gedichtzeilen üblich, diese zu brechen und die letztenWorte auf besonderer Zeile nach hinten auszuschlieBen. Oft genug sind Bedenken dagegen laut geworden, und zwar immer mit formabasthetischer Begründung. DaB der Schaden viel mehr auf Seiten der Ausdruckskomponente liegt, ist leider bisher noch nicht genügend betont worden. Unweigerlich wird für unser Auge und unser Gefühl durch die scheinbare Leerzeile Zusammengehorendes getrennt, die Strophe zerrissen und der Rhythmus des Gedichts emphndlich gestdrt. Es nützt nichts, daB der Verstand nachtráglich die technische Not* wendigkeit dieser MaBnahme konstatiert: Beim Lesenund GenieBen der Dichtung wird stets eine Storung eintreten. Das an sich ásthetisch wie auch drucktechnisch nicht be* liebte Verbreitern des Satzspiegels einzelner Seiten, so daB die zu lange Zeile in den Bund* bzw. Seitensteg ragt, ist tatsáchlich die einzige Losung; sie sollte weitgehendst be* rücksichtigt werden. Wir linden beim Durchbláttern von dichterischen Wer* ken noch so manche Besonderheiten, die unsere Aufmerk* samkeit in typographischer Hinsicht erregen, so etwa die Kleinschreibung aller Wórter bei Stefan George, die gar nichts mit dem Streit über GroB* und Kleinschreibung zu

Archiv für Buchgewerbe und Gebrauchsgraphik de | 1938 | | page 7