5 Die Vorlehre Bewerber um die Lehre im Bauhaus werden auf Grund eingereichter eigener Arbeiten nach ihrer wahrscheinlichen werk- lichen und formalen Beanlagung ausgewahlt. Die Auswahl durch die Meister ist subjektiv und daher Irrtümern unterworfen, denn es gibt kein anthropometrisches System, das die Fahigkeit und Entwicklungsmöglichkeit des lebendig sich verandern- den Individuums sicher vorausbestimmt. Schon die Beschrankung an Raum und Arbeitsmitteln fordert aber den Entschlufi zur Auswahl. Die gewahlten Bewerber treten zun^chst in eine Vorlehre') ein, die ein halbes Jahr dauert und bereits die ganze Breite der zukünftigen Hauptlehre in ihren Anfangen umfafit. Untrennbar neben- und miteinander wird die werkliche und formale Arbeit entwickelt, init dem Ziel, die schöpferischen Krafte im Lernenden zu befreien, ihn die stoffliche Natur begreifen und die Grundgesetze des bildnerischen Gestaltens erkennen zu machen. Jede bindende Einstellung auf irgend eine Stilbewe- gung wird bewufit vermieden. Beobachtung und Darstellung mit der Absicht der Erkenntnis der idealen Identitat von Form und Inhalt begrenzen das Arbeitsgebiet der Vorlehre. Die notwendigste Aufgabe ist, die Entfesselung der Indivi dualist, ihre Befreiung von der toten Konvention zugunsten persönlicher Erlebnisse und Erkenntnisse, die ihr das BewuBt- sein vermitteln, welche Grenzen ihrer Schaffenskraft von der Natur gesetzt sind. Deshalb ist für die Vorlehre die kollektive Arbeit noch nicht wesentlich. Die subjektive Beobachtung wird neben der objektiven gepflegt, die Erforschung der abstrak- ten Gesetzmafiigkeit ebensosehr wie die Deutung des Gegenstandlichen. Die Padagogik selbst kann dabei im höchsten MaBe anregend wirken. Die Erkenntnis und richtige Einschatzung der individuellen Ausdrucksmittel soli vor allem erreicht werden. Die schöpferi schen Möglichkeiten verschiedener Individualisten sind verschieden begrenzt. Der einen entspricht der Rhvthmus als ursprüngliches Ausdrucksmittel, der zweiten das Helldunkel, der dritten die Farbe, der vierten die Materie, der fünften der Ton, der sechsten die Proportion, der siebenten der stoffliche oder der abstrakte Raum, der achten die Beziehung des e'inen zum anderen, oder von beiden zu einem dritten oder vierten. Alle Arbeiten in der Vorlehre entstehen unter padagogischerBeeinflussung. Siebesitzen eine künstlerische Qualitat höchstens insofern, als jede ursprüngliche und gesetzmaBig entwickelte AuBerung einer Individualist die Grundlage für jene eigentüm- liche schöpferische Gebundenheit ist, die man Kunst nennt. Nach den Lehrerfahrungen der ersten Jahre wird die praktische Durchführung der Vorlehre nach dem umstehenden Arbeits- plan vollzogen: Von der Güte der Leistung in dem Halbjahr der Vorlehre und von der persönlichen Eignung hangt die Zulassung der Lehrlinge in eine Werkstatt nach eigener Wahl und damit zur Werk- und Formlehre ab. Die Werklehre und die Formlehre Die beste Lehre ist die freie Meisterlehre wie sie in früheren Jahrhunderten bestand, die keine schulmafiige Werk- und Kunsterziehung kannten. Die alten Meister besafien gleichermaBen handwerkliches und formales Können. Solche schöp ferischen Meister der Praxis kennt aber nach der verhangnisvollen Trennung der bildnerisch Begabten von dem Werkleben Die Vorlehre entwickelte sich aus dem Unterricht, den Johannes Itten bereits im Jahre 1918 in Wien gab und den er im Staatlichen Bauhaus weiter entwickelte. Hier bildete er die Voraussetzung für die Arbeiten in den Werkstatten.

Bauhaus de | 1923 | | page 7