grundsatze der bauhaus-produktion 28 28 waiter gropius das bauhaus will der zeitgemalten entwicklung der be- hausung dienen, vom einfachen hausgerat bis zum fertigen wohnhaus. in der überzeugung, daB haus- und wohngerat untereinander in sinn- voller beziehung stehen müssen, sucht das bauhaus durch systema tische versuchsarbeit in theorie und praxis - auf formalem, technischem und wirtschaftlichem gebiete - die gestalt jedes gegenstandes aus seinen natürlichen funktionen und bedingtheiten herauszufinden. der moderne mensch, der sein modernes, kein historisches gewand tragt, braucht auch moderne, ihm und seiner zeit gemaBe wohnge- hause mit allen der gegenwart entsprechenden dingen des taglichen gebrauches. ein ding ist bestimmt durch sein wesen. urn es so zu gestalten, daB es richtig funktioniert - ein gefaB, ein stuhl, ein haus - muB sein wesen zuerst erforscht werden; denn es soli seinem zwecke vollendet dienen, d. h. seine funktionen praktisch erfüllen, haltbar, billig und „schön" sein. diese wesensforschung führt zu dem ergebnis, daB durch die entschlossene berücksichtigung aller modernen herstellungs- methoden, konstruktionen und materialien formen entstehen, die, von der überlieferung abweichend, oft ungewohnt und überraschend wirken (vgl. beispielsweise den gestaltwandel von heizung und beleuchtung). nur durch dauernde berührung mit der forschreitenden technik, mit der erfindung neuer materialien und neuer konstruktionen gewinnt das gestaltende individuum die fahigkeit, die gegenstande in lebendige beziehung zur überlieferung zu bringen und daraus die neue werk- gesinnung zu entwickeln: entschlossene bejahung der lebendigen umwelt der maschinen und fahrzeuge. organische gestaltung der dinge aus ihrem eigenen gegenwarts- gebundenen gesetz heraus, ohne romantische beschönigungen und verspieltheiten. beschrankung auf typische, jedem verstandliche grundformen und -farben. einfachheit im vielfachen, knappe ausnutzung von raum, stoff, zeit und geld. die schaffung von typen für die niitzlichen gegenstande des taglichen gebrauchs ist eine soziale notwendigkeit. die lebensbedürfnisse der mehrzahl der menschen sind in der haupt- sache gleichartig. haus und hausgerat ist angelegenheit des massen- bedarfs, ihre gestaltung mehr eine sache der vernunft, als eine sache der leidenschaft. die typen schaffende maschine ist ein wirksames mittel, das individuum durch mechanische hilfskrafte- dampf und I elektrizitat - von eigener materielier arbeit zur befriedigung der le bensbedürfnisse zu befreien und ihm vervielfaltigte erzeugnisse billi- ger und besser als von der hand gefertigt zu verschaffen, eine ver- gewaltigung des individuums durch die typisierung ist nicht zu be- fürchten, denn infolge der natürlichen konkurrenz ist die zahl der vorhandenen typen für das einzelne ding doch immer so reichlich, daB dem individuum die persönliche wahl des ihm am meisten ent sprechenden modells überlassen bleibt. die bauhauswerkstatten sind im wesentlichen laborato ries in denen vervielfaltigungsreife, für die heutige zeit typische gerate sorgfaltig im modell entwickelt und dau- ernd verbessert werden. das bauhaus will in diesen laboratorien einen neuen, bisher nicht vorhandenen typ von mitarbeitern für industrie und handwerk heran- bilden, der technik und form in gleichem maBe beherrscht. das ziel, typische modelle zu schaffen, die alle wirtschaftlichen, tech- nischen und formalen forderungen erfüllen, verlangt eine auslese bester, umfassend gebildeter köpfe, die in gründlicher werkpraxis, wie in exaktem wissen der formalen und mechanischen gestaltungs- elemente und ihrer aufbaugesetze geschult sind. das bauhaus vertritt die ansicht, daB der gegensatz fcwischen industrie und handwerk weniger durch den unterschied des werkzeuges ge- kennzeichnet wird, als vielmehr durch die arbeitsteilung dort und die arbeitseinheit hier. handwerk und industrie sind aber in standi- ger annaherung begriffen. das handwerk der vergangenheit hat sich verandert, das zukünftige handwerk wird in einer neuen werkeinheit aufgehen, in der es trager der versuchsarbeit für die industrielle produktion sein wird. spekulative versuche in laboratoriumswerk- statten werden für die produktive durchführungsarbeit der fabriken modelle - typen - schaffen. die in den bauhauswerkstatten endgültig durchgearbei- teten modelle werden in fremden betrieben vervielfaltigt, mit denen die werkstatten in arbeitsverbindung stehen. die bauhausproduktion bedeutet also keine konkurrenz für industrie und handwerk, sondern schafft vielmehr für diese einen neuen auf- baufaktor. denn das bauhaus führt dem realen werk- und wirtschafts- leben schöpferisch begabte menschen über die praxis zu, die der industrie und dem handwerk vorarbeit zur produktion abnehmen sollen. die vervielfaltigten produkte nach modellen des bauhauses sollen ihre preiswürdigkeit lediglich durch ausnutzung aller modernen, öko- nomischen mittel der typisierung (serienherstellung durch die indu strie) und durch den umsatz erreichen. der gefahr einer minderung der güte der produkte in material und ausführung gegenüber den modellen durch die maschinelle vervielfaltigung wird mit allen mitteln begegnet. das bauhaus kampft gegen ersatz, minderwertige arbeit und kunstgewerblichen dilettantismus für eine neue qualitatsarbeit.

Bauhaus de | 1927 | | page 17