442 Dcutscher Buch- und Steindrucker Schriftgiesserei-Neuheiten. lie Besprecliung der Neuheiten in vorigem Hefte konnten wir unter das Zeichen der Handschriften setzen, dieser neuen Schrift- art, welclie mit recht moderner Sclinellig- keit in wenigen Monaten sich iiberall ein- gefiihrt hat. Wir fiihrten im vorigen Hefte hierhei unter anderm auch die deutsche "Hohenzollern"-Schrift von Wilhelm Gronaus Schriftgiesserei in Schone- berg-Bcrlin vor und sind heute in der Lage, nun auch die laieinische Handschrift Germania in Ab- druck vorzufiihren. Die Germania ist (gleich wie die "Hohenzollern") ausdrucksvoll gehalten, ohne tiber- hange gegossen und in den Anschliissen nicht empfind- lich, weil iiberall da, wo es angangig war, der Grund- strich so scliarf auf die vordere Kante geriickt wurde, dass der "Anstrich" wegfallen konnte. Auf diese Weise treten eventuelle kleine Liicken nicht stdrend auf. Beide Schriften sind iibrigens Originalschnitte der Firma; sie werden sich iiberall gut einfiihren. Das Handfertige oder (gut deutsch ausgedriickt) das Manuelle unter den setzbaren Ornamentierungen vertritt das sogenannte Barock-Ornament. Es bildet eine parallele Erscheinung unter den Ornamenten fur das, was die Handschriften unter den Titelschriften sind. Wahrend die bekannten stumpffeinen und feinen Freiornamente melir oder weniger einen maschinen- glatten Strich und in ihren Formen iiberall einen wohl- ausgeglichnen Entwurf zeigen, der mit dem skizzenliaft hingeworfnen Federstrich des Zeichners nicht zu ver- gleichen ist, verwertet das Barock-Ornament gerade jene reizvollen Details, welche die zeiclinende Hand wie von selbst erzeugt. Die vorerwahnten Frei ornamente reprasentieren also das "gestochne" oder "geschnittne," die Barock-Ornamente dagegen das rein zeichnerische Element. Bei dem augenblicklichen Drange, Papier, Schrift und Dekoration mit den Alliiren des gut handwerksgemassen, eben des "Manuellen" zu versehen, war deshalb die Schaffung eines Orna ments, wie es die Barock-Ornamente bilden, eine recht dankbare Sache. In diesem Sinne schuf denn auch Wilhelm Woellmer's Schriftgiesserei und Messing- linienf abrik in Berlin SW. ihre verschiednen Barock- linien, von denen bis jetzt sechs verschiedne Muster vorlagen. Nunmehr ist noch ein neues Halbpetit- Dessin hinzugekommen, und ebenso ist zu der so- genannten Viertelcicero-Barocklinie Nr. 6 eine Serie von Ornamenten geschaffen worden. Auf zwei Bei- lagen fiihrt die genannte Firma in vorliegendem Hefte diese Neuheiten vor. Beide Blatter zeigen das Reiz- volle dieser neuen Ornamentserien in bester Weise; sie beweisen, dass die Barock-Ornamente, wenn die- selben in so universell gezeichneten Figuren und dabei in weiser Beschrankung der Anzahl gegeben werden, thatsachlich das unentbehrliche Kleinmaterial zum modernen "Frei"-Ornamentieren bilden. Dabei er- schopfen dievorliegenden zweiBlatter die Anwendungs- moglichkeiten natiirlich keineswegs, dies thun auch noch nicht weitre Blatter und Anwendungen, die uns vorliegen. Trotzdem erubrigt es sich, beschreibend auf die Anwendungsweisen der Figuren einzugehen; sie schliessen sich in der Hauptsache den bisherigen Woellmer'schen Ornamenten an und die Auslaufer, Ecken, Mittel- und Wendestiicke, die Aufsatz- und Bliitenstucke gehen gewissermassen von selbst an ihren Platz. Neu auf den beiden Beilagen ist schliess- lich noch ein "punktierter Untergrund," der auch bei einfarbigen Arbeiten zur Erzielung geschlossner Flachenwirkungen iiberall angewendet werden kann. Die Schriftgiesserei Otto Weisert in Stuttgart versendet die "siebente Folge" ihrer Neuheitenhefte und tritt mit dieser zugleicli in die Moderne ein. Das Heft fiihrt auf 32 Seiten zunachst die "Ameri- kanische Altgotisch" in alien Graden vor, zeigt eine "NeuesteReklameschrift" in einergeschicktenMischung von kraftigen Grotesk- mit Pinselschriftcharakteren und fiihrt dann eine ausgezeichnet geschnittne Serie von modernen Initialen vor, auf Schrotgrund mit negativ gehaltnen stilisierten Pflanzenformen. Eine Reihe ausgewahlter moderner Vignetten in grazioser Linienfiilirung beschliesst den eigentlichen neuzeit- lichen Inhalt. Des weitern enthalt das Heft aber noch einige Komplettierungen: eine schmale runde Grotesk in alien Graden und eine Reihe effektvoll gezeiclineter Redlinings-, Fakturen- und Nota-Vignetten. Die Schriftgiesserei Otto Weisert hat selbstverstand- lich auch in der Frage der Handschriften-Erzeugung sofort Stellung genommen und in ihrer Stempel- schneiderei einen eignen, etwas nach links liegenden Stahlschnitt gefertigt, den sie unter dem treffenden Namen Briefschreibschrift in Anwendungen vorfiihrt. Die Schrift wirkt ausserordentlich ruhig und deutlich, ist kraftig in den Anschliissen, hangt nicht iiber und bietet sich in vier Graden: Cicero bis Doppelmittel an. Ausland. Die American Type Founders Co. in Boston schickt Proben einer neuen, kupferstichartigen Schreib schrift: "American Script Series", sowie zweier Garnituren Merkantil- Versalien, mit breiten Schraffirungen im reinen Antiqua-Charakter. Aus Japan liegen auch heute neue Proben graphischer Tiichtigkeit vor. Die Tokyo Tsukiji Type Foundry hat uns das Januarheft ihrer Schrift- und Einfassungsneuheiten iibersendet, das neben japanischen Schriften in alien Grossen auch Antiqua- schriften (Blockversalien) enthalt und eine iiberaus sorgfaltige Arbeit erraten lasst. Dem Heft liegt auch eine Illustration s- kunstbeilage in Doppelquartformat bei, ein japanisches Madchen darstellend, mit schwarzen Schonheitsfleckchen auf Stirn und Wangen, und mit dem fein gestickten Taschentuch sich die Nase reibend, was vielleicht einen japanischen "Guten Tag" darstellt? Das Blatt ist in kompletter Farbenskala augenscheinlich vom Stein gedruckt. Aber auch ein typographisches Meisterstuck ging uns von derselben Firma zu: ein japanischer Kalender in Quartformat mit vieler zierlicher Schrift und mit reichem, ornamentalen Schmuck, in mosaikartigen Mustern allerlei Art. Der Kalender bildet durch die Unzahl der verwendeten Ein- fassungsttickchen (meist auf Nonpareille und Cicerogeviert), vor allem aber durch die exakte, sich in allerfeinste Detailwirkung ergehende Druckausfiihrung ein wirkliches Meisterwerk. Wir z&hlten etwa 14 Deck- und Tonfarben, die samtlich vorziiglich stehen. Wir gratulieren der Tokyoer Firma zu solchen Leistungen

Deutscher Buch- und Steindrucker de | 1899 | | page 10