Deutscher Buch- trnd Steindrucker 627 bringen cles oftern auch relativ minder Gutes zur allgemeinen Einfiibrung. Weiter lasst manchmal der Zeichner etwelcher Neubeiten es sich gar nicht traumen, dass er einen "Schlager" unter seinen Handen entsteben lasst. So weiss icb, dass z. B. Herr Heinrich Hoffmeister in Leipzig, der bestbekannte Zeicbner und jetzige Scbriftgiessereibesitzer, selbst tiberrascht war, als seine Kartuscben-Einfassung (in Renaissance-Stil, bei J. G. Schelier Giesecke vor rund fiinfzebn Jahren erschienen) alliiberall Aufnahme fand. Nicbt dass er den ktinstlerischen Wert seiner Zeicbnung unterschatzteaber er batte vorber keinen Massstab daftir, wie weit die praktische Anwendungs- moglichkeit gehen und sich demnach der Absatz ge- stalten wiirde. Anderseits konnte eine gross angelegte Renaissance-Einfassung von ktinstlerischer Durch- ftihrung, welche um dieselbe Zeit etwa bei der Schrift- giesserei Em.il Berger in Leipzig erschien, yon dem- selben Ktinstler, nicbt die gleich grosse Verbreitung aufweisen, obgleich jeder, der sie sah, sicb sehr viel davon versprach. Hier tibte aber jedenfalls die mit ahnlichen Einfassungen scbon am Markte befindliche Konkurrenz einen lahmenden Einfluss aus, bestebend in den grossen Serien Holbein und Aldegrever-Ein- fassungen. So sehr der Zeichner also auch sucht, dem Zeitgescbmack gewisse Fingerzeige fur sein Schaffen abzusehen, so wenig ist er doch in alien Fallen sicber, einen grossen Erfolg zu haben. Fur dieses "Ablauschen" ist nun allerdings grade der zeichnende und praktisch thdtige Graphiker besonders geeignet; er fiiblt das Bedtirfnis eber beraus nacb gewissen, ihm bei der Arbeit feblenden Schrift- charakteren, nacb fehlenden ornamentalenFormen usw. Je mehr eine Neuheit von vornherein auf das praktische Bediirfnis hin zugeschnitten werden kann, um so sicberer ist nattirlich der Erfolg. Als Beispiel erinnere icb an die erste grossere Serie von Linien-Ornamenten: an die "Accidenzverzierungen," welche der bekannte Stempelsclineider Friebel in Leipzig vor_rund zwanzig Jahren schnitt. Die Accidenzverzierungen sind so sehr dem Bediirfnis des Setzers angemessen, dass man die- selben in fast jeder Druckerei beut nattirlich bis auf die Bunzen abgequetscbt findet. Aus der neuern Zeit seien die Freiornament-Serien erwahnt, welche Julius Klinkhardt und WilhelmWoellmers Schriftgiesserei vor rund sieben Jahren herausbrachten und die das ResuRaT*gorgfaltiger Beobacbtungen bildeten, welche den damalsbeginnendenfreirichtlerischenBestrebungen des Accidenzsetzers galten und deren Beachtung wie dieFolge jedermann gezeigtbat nicht getauscht hat. Beide Ornamentserien sind von praktisch thatigen Buchdruckern gezeichnet worden, die Klinkbardt'sche in der Hauptsache von Herrn Oskar Bohme, dem Accidenzfaktor des Hauses, die Woellmer'sche vom Faktor Rohn im Hause Biixenstein. Es stebt nun fest, dass die Freimanier bereits vor dem offiziellen Erscbeinen dieser Ornamentserien denen alsbald von jeder Giesserei weitere folgten ibre ersten Boten in die Welt schickte. Man half sicb eben, so gut es ging, mit andern Stticken aus, schnitt sicb solche aus vorbandnen zurecbt usw. Aus dem Jahre 1888 und 89 liegen mir freirichtlerische Arbeiten aus der Offlzin C. G. Naumann in Leipzig vor, die sogar schon nattirlich "selbst" zurechtgefeilte verlaufende Kreise zeigen. Es gehoren hier auch her die schonen freirichtleriscben Arbeiten, welche mittels der Klinkhardt'scben Mikado-Einfassung geschaffen wurden. Die Titelblatter der Klinkhardt'schen Oktav- probe sind in dieser Hinsicht ebenfalls als Haupt- leistungen der freimanierlichen Satzweise (noch vor dem Erscheinen der eigentlichen Frei-Ornamente) zu bezeichnen. A. M. Waizulik hatte tibrigens seine wenn auch mit andern Mitteln arbeitende excellente Freimanier ebenfalls von jeher. Wie schon gesagt: die Freimanier ist ein rechtes Kind der Praxis gewesen und daraus erklart sich auch ihr grosser, trotz aller Anfeindungen guter und noch heute zu sptirender Einfluss auf unsre Kunst. Buchdrucker bildeten sie aus und Buchdrucker zeich- neten das eigentliche Material. Ich sage das "eigent- liche" Material, denn zu demselben gehoren namlich auch jene ktinstlerischen Beihilfen in Vignetten aller Art, wie vor allem Hugo G. Strohl in Wien mit seinem bei Klinkhardt erschienenen reizenden typographischen Zierat, und viele andre Zeichner, so Terschack in Mtinchen und Heinrich Hoffmeister. Einen guten Teil der geistigen beziehungsweise schopferischen Arbeit bei neuem Material schliesst auch Satz und Druck der Probeblatter in sich, be sonders bei solchen Ornamenten, die ein vollig neues Genre reprasentieren. Kann der Zeichner zugleich selbst die satzfertigen Skizzen geben, so ist dies dem Erfolge nattirlich am forderlichsten. Anderseits kommt der in solchen Dingen getibte Accidenzsetzer haufig auch auf ganz neue Verwendungsweisen der gegebnen Ornamente Verwendungsweisen, an die der Zeichner noch gar nicht gedacht hat. War der Zeichner ein nichtfachmannischer Ktinstler, so lasst er dem Accidenz setzer am besten die grtisste Freiheit, denn die Er- fahrung hat gelehrt, dass der Ktinstler unter der Zwangsjacke des "Systems" meist hilflos wird. Da- gegen ist nattirlich eine "kunstmassige" Erlauterung der Anwendungsart seitens des Ktinstlers sehr an- gebracht. Nicht umsonst also sehen wir, dass sich die Schriftgiessereien in ihren Hausdruckereien beste Krafte zu sichern suchen. In guten Probeblattern, deren einzelne Motive oft Jahre hindurch die Richt- schnur angeben ftir das Setzen mancher Arbeiten, liegt die Halfte des Erfolges. Daraus folgt auch, dass die Schriftgiessereien sich allmahlich eigene Haus druckereien oder mindestens Haussetzereien zu- legen mussten, weil nur, in der abgeschlossenen Reihe einer solchen, der Accidenzsetzer die notige Sammlung finden kann, die das Hetzen in Lohndruckereien nur selten zulasst Ich weiss nicht, Herr Redakteur, ob meine kunter- bunten Mitteilungen das sind, was Ihr Graphikus sich bei seinen Anregungen dachte vielleicht aber dienen sie wenigstens dazu, nach und nach die Schleusen der Wissenden zu offnen. co 79*

Deutscher Buch- und Steindrucker de | 1899 | | page 17