DEUTSCHER BUCH- UND STEINDRUCKER xxx Die WiederermecKun£> der SdiriftKunst 20 Von Fraulein Anna Simons, Miinchen Edmund Gress, Der Herausgeber Oes American Printer, schreibt in seinem neuesten Buche ,,A Dash through Europe" gelegentlidi Bes Besuches Ber Lonbon County Council School: Der Kuralor Mr .Beckett erwahnte einen Fall, ber Zeugnis ablegt von ber internationalen Anerkennung, bie bie Arbeit ber Schule finbet. Eine graphische Kunstinstitution in Deutsch- lanb sanbte ein junges Mabchen zum ausgesprochenen Zweck, bie humanistische Schreibkunst mit ber Feber bei Johnston zu erlernen. Die junge Dame kehrte nadi Deutsdilanb zuriick, unb bieser Schriftstil finbet sich nun bei vielen erstklassigen graphisdien Erzeugnissen Deutschlanbs wieBer, unb selbst Sdiriften ber beutschen Giefiereien verraten ben ]ohnstonschen EinfluB Fraulein Simons wirb sich freuen, bafi man ihrer in Englanb noch gebenkt. Wir haben bas Vergniigen, sie burch biesen Aufsatz auch unsern Lesern vorzustellen, bessen Nachbruck uns ber Verlag Ernst Wasmuth A.-G., Berlin, gem gestaftet hat. Wir entnehmen ihn bem im Heft 10/29, S. 717 erwahnten Buch „Kunstgewerbe". Die Schriftleitun'g Djie Enbe ber achtziger Jahre bes vorigen Jahr- j hunberts einsetzenbe Abkehr von ben bis bahin herrschenben Anschauungen unb Ibealen auf kiinstlerischem unb geistigem Oebiei, bie von Nietzsche vorbereitet unb hauptsachlich mit bem Namen ber in ber Miinchener Sezession zusammengeschlossenen jungen Kiinstler unb bem Simplizissimus-Kreis, zu benen auch Peter Behrens unb Bruno Paul gehorten, unb jungen Dichtern, wie Hauptmann, Liliencron, Dehmel unb Stefan George verknupft ist, zeitigte unter ihren mannigfachen unb weittragenben Wirkungen, beren EinfluB bas gesamte aufiere unb innere Leben bes beutschen Volkes in ben barauffolgenben brei Dezennien unterlag, auch bie Wiebererweckung ber Schriftkunst unb bie baraus folgenbe Bliite bes beutschen Buchwesens unb ber beutschen Gebrauchsgraphik. Eine ihrer Hauptbestrebungen war von Anfang an bie schone Vollenbung unb Durchgeistigung ber Dinge bes alltaglichen Lebens nicht burch Verbramung mittels eines ihnen aufgezwungenen fremben historischen Stilgebankens sonbern burch bie ihrem Wesen unb ihrer Bestimmung gemafi technische Vollkommenheit, Giite unb Reinheit bes verwanbten Materials unb restlose Anpassung an ben gegebenen Zweck. Wer bie Erstausgaben junger Dichter (Hofmannsthal, Rilke, Schrober) seit etwa 1900 betrachtet, erkennt, wie ber Impuls, ber von ben geistigen Tragern bieser Bewegung ausging, zunbete unb Frucht trug. Als erste bahn- brechenbe Tat sinb bie von Stefan George 1892 ge- griinbeten unb im Freunbeskreis verbreiteten „Blatter fur bie Kunst" zu nennen. Unter Verzicht auf jeglichen Schmuck war bie auBere Wirkung bieser literarisch bebeutenben Zeitschrift (bie erste Nummer enthielt bas Erstlingswerk bes bamals noch unbekannten jugenblichen Hofmannsthal) ganz auf typographische Meisterschaft unb Schonheit bes Materials eingestellt. Weitere Staffeln auf biesem Weg sinb ber 1894 burch Julius Meier-Grafe unb Baron Eberharb von Boben- hausen begriinbete, bei Drugulin gebruckte „Pan", ber weiteren Kreisen zuganglich war, unb bie 1899 burch Alfreb Heymel unb Rubolf Alexanber Schrober gegriinbete Zeitschrift bie „Insel", auf beren Basis sich spater ber gleichnamige Verlag entwickelte. Schon Stefan George hatte fiir seine Dichtungen seine eigene inbivibuelle Druckschrift herstellen unb seine Dante- Ubersetzungen in einer selbstgeschriebenen Unzialschrift vervielfaltigen lassen. Der „Pan", ber iiber reichste geistige, kiinstlerische unb finanzielle Krafte verfiigte, machte von Anfang an bie muster- giiltige typographische Leistung zu einem seiner Haupt- ziele. Er veroffentlichfe als Erster audi Arbeiten bes in Deutsdilanb auf biesem Gebiet noch unbekannten William Morris, benn auch in Englanb hatte schon friiher, unter Fiihrung von Ruskin eine ahnliche Be wegung eingesetzt, bie sich am reinsten unb um- fassenbsten in Morris verkorperte. Der AbschluB von Morris' Lebenswerk bilbetebieGriinbung ber„Kelmscott Press" 1891, auf ber er bis zu seinem Tobe 1896 mit selbst entworfenen Typen eigene unb anbere Werke bruckte, unter Verwenbung von Holzschnitt fiir Illustrationen, Schriftschmuck unb Initialen. Seine ausgebehnte Kenntnis alter Manuskripte unb seine praktische Tatigkeit als Schreiber unb Illuminator eigener Arbeiten auf Pergament gaben ihm bie Kennt- nisse, bie bie ersten Drucker fiir bie Herstellung ihrer befriebigenben Drucke besessen unb sie befahigt hatten, barin Vorbilbliches unb auch heute nodi Unerreichtes zu leisten. Als praktischer Drucker stanb ihm Emery Walker zur Seite, ber 1901 mit Cobben-Sanberson zusammen bie „Doves-Press" griinbete, bie, auf reinste unb abgewogenste typographische Wirkung eingestellt, auf Schmuck ganz Verzicht leistete unb nur einen solchen Meister ber Schriftkunst wie Ebwarb Johnston mit ber gelegentlichen Zeichnung von Titeln ober Initialen beauftragte. Emery Walker, Ebwarb Johnston unb seine Mitarbeiter Eric Gill unb Graily Hewitt wurben vom Inselverlag, ber als erster bie vollenbete Her stellung bes Buches fiir alle von ihm herausgegebenen Werke zur Richtschnur erhob, als Berater unb zur Ausfiihrung von Schriftentwiirfen zugezogen, vor allem fiir bie Klassikerbrucke ber Wilhelm-Ernst-Ausgabe, bie einen beispiellosen Erfolg hatte. Von beutschen Namen sinb Poeschel, Tiemann, Markus Behmer, van be Velbe, E. R. WeiB, F. H. Ehmcke unb Heinrich Vogeler eng mit ben fruheren Erfolgen bes Insel- verlags verknupft. Anbere Verleger folgten biesen Bahnen, es sei nur an Dieberichs in Jena, fur ben F. H. Ehmcke viele seiner besten Werke schuf, an Georg Miiller unb Hans von Weber in Miinchen unb Rohwolt in Leipzig erinnert. Ein weiterer starker Impuls ging von Wien aus, von ber Gruppe von Kiinstlern, bie ber Zeitschrift „Ver Sacrum" nahestanben; vor allem aber von Rubolf von Larisch, ber 1898 anfing, sich mit kiinst- lerischer Schrift zu beschaftigen unb 1899 bei Schroll in Wien seine Zeitschriften im Dienste ber Kunst erscheinen liefl, benen 1900 bie erste Sammlung ber „Beispiele kiinstlerischer Schrift" (im ganzen erschienen vier) als Ergebnis einer Korresponbenz mit Kiinstlern ber ganzen Welt folgten. 1902 wurbe er als Dozent fur ornamentale Schrift an bie Wiener Kunstgewerbe- schule berufen unb veroffentlichte 1905 sein Werk „Unterricht in ornamentaler Schrift", bas heute in 7. Auflage vorliegt unb wie kein anberes Buch bie praktische Beschaftigung mit biesem Gegenstanb ge- forbert hat, unb ohne bas bie heutige Bliite bes Plakat- unb Werbewesens in Mitteleuropa unbenkbar ware. 1904 schuf er fiir bie Jubilaumsfestschrift ber Wiener Staatsbruckerei bie Plinius-Type, eine kraftige Antiqua, bie im Verein mit ben bilblichen unb orna- mentalen Arbeiten von Czeschka unb Moser bieses Druckwerk zu einem monumentalen Werk ersten Ranges machte. Seine 1905 erschienene enger ge- haltene Schrift blieb bem Druck von Wertzeichen vor- behalten, nur bie 5. Auflage seines „Unterrichts" ist ausnahmsweise in ihr gebruckt. Aber auch in Deutsch-

Deutscher Buch- und Steindrucker de | 1923 | | page 30