DEUTSCHER BUCH- UND STEINDRUCKER xxx Normun^ und Industrie 22 angeglieberten Verlag ber Allgemeinheit nutzbar ge- macht werben. Schon 1912 war es moglich, auf bem Internationalen ZeichenkongreB in Dresben eine beutsche Schrift- ausstellung zusammenzubringen, bie hauptsachlich Arbeiten von Mitgliebern ber Kunstgewerbeschulen umfaBte unb ber internationalen Schulwelt ein er- freuliches Zeugnis von bem Stanb ber beutschen Be- strebungen gab. 1913 fanb auf Einlabung ber stabti- schen Oalerie von Sub-Lonbon eine Ausstellung vorztiglicher, geschriebener unb gebruckter Arbeiten beutscher Kunstgewerbeschulen statt, zu ber audi ber Insel-Verlag unb Hans von Weber in Munchen eine Reihe schoner Drucke beisteuerten unb bie neuen Druckschriften von Behrens, Ehmcke, Tiemann unb Koch gezeigt wurben. Die Bugra 1914 gab wahrenb ihres kurzen Bestehens ein glanzenbes Zeugnis von bem Erreichten; unb baB ein Stillstanb nicht eingetreten, bezeugt bie rege Tatig- keit, bie auf alien Qebieten bes Schriftwesens herrscht unb bie in biesem Umfang unb bieser Frische kein anberes Lanb aufweist. Durchgeht man bie Namen ber Fuhrer, so wirb man finben, baB sie fast alle auf eine ober bie anbere Weise mit ber kunstgewerblichen Erziehung verkniipft sinb, unb bas gibt Gewahr, baB auch ben folgenben Generationen bas einmal Errungene nicht verlorengehen wirb unb bie Bahn fur eigene Schopfungen frei vor ihnen liegt. Von Wilhelm Ein-form nennt man's, was sie tragen: M K: rieg unb Kriegsvolk, benen Nietzsches Zara- 1 thustra biese Worte wibmet, waren recht eigentlidi auch auf jenem Gebiete bie Vater aller Dinge, bas wir bisher noch aus Mangel an einer einheitlichen Wortpragung als Typisierung, Normalisierung ober Spezialisierung bezeichnen. Was zuvor ins Reidi ber Fabel verwiesen ware, baB bei- spielsweise eine SchriftgieBerei in Frankfurt Granaten- mantel gleichen Kalibers in gleicher Menge unb gleicher Qualitat erzeugen konnte wie eine Kofferfabrik in Stettin, bas wurbe burch eherne Notwenbigkeit mit einem Schlage verwirklicht. Schwieriger modite sidi ba unb bort schon bie Umstellung zur Friebensarbeit gestalten, trat babei boch wieberum jene Vielgestaltig- keit unb Kompliziertheit zutage, bie im gewerblichen Leben einmal in ben Werkzeugen unb zum anbern in ben Erzeugnissen ihren sinnfalligen Ausbruck finben. Dieser Ubergang hatte sich ber friebensgewohnten Wirtschaftsform wohl audi vollkommen wieber ange- paBt, wenn nicht, veranlaBt burch ben verlorenen Krieg, ein heilsamer Zwang nach ber Richtung hin ausgeubt worben ware, jene beispiellose Kraftekonzentration ber Kriegsjahre auch in ben Dienst einer zusammen- gebrochenen, zugleidi aber nach erhohter Leistungs fahigkeit verlangenben Volkswirtschaft zu stellen. So gait es weiterhin, auf Erleichterung unb Ver- einfachung ber Arbeit burch Aussdialtung aller kost- spieligen, zeitraubenben unb unprobuktiven Arbeits- metnoben bebacht zu sein. Eine berartige Einheitlichkeit von Kraft unb Leistung haben Eisenbahn- unb Post- verwaltungen burch bie Verreichlichung ber Verkehrs- mittel alsbalb nach Beenbigung bes Krieges burch- gefuhrt. Im Maschinenbau ging man auf bem Wege ber Normung ebenfalls erfolgreich weiter, inbem man sich auf gleichartige Schrauben, Gewinbe, Nieten usw. einigte. Ahnliche Bestrebungen wurben in ber Film- inbustrie erfolgreich burchgefiihrt. Audi in ber graphisdien Inbustrie ist bie Normung kein unbekannter Begriff, man kann sogar behaupten, baB sie hier schon seit Jahrhunberten geiibt worben ist. Die Fachereinteilung eines Schriftkastens, bie Starkegrabe bes Schrift- unb AusschluBmaterials sinb in ber Hauptsache nach gleichen, fast allgemein giiltigen Richtlinien festgesetzt. Abweichenbe Normen, bie sich in ber Hohe unb Linie ber Lettern noch ergaben, suchte man immer unb immer wieber auszumerzen. Nor- malisierungsbestrebungen sinb bei Buchbruckern unb Buchhanblern auch barin zu erblicken, baB sie Biichern unb Biichersammlungen einen einheitlichen Rahmen zu Eule, Leipzig es nicht Ein-form sein, was sie damit verstecken. Nietzsche. geben versuchten. Das typische Beispiel bafiir ist Reclams Universalbiicherei; bie Goschen-Sammlung, Teubners „Natur- unb Geisteswelt", Bongs Golbene Klassikerbibliothek sinb ebenfalls von ben gleichen Grunbsatzen ins Leben gerufen worben. Bei biesen Biichersammlungen kommt auch einerber wesentlichsten Zwecke ber Normung klar zum Ausbruck; namlich ein groBtmogliches MaB von tedinischer unb wirtschaft- licher Leistungsfahigkeit zu erzielen. Man wollte burch Vereinheitlichung unb Vereinfachung bes Druckver- fahrens, wle gleiche Einbanbe, gleiche Satzanorbnung unb gleiches Format, Herstellungs- unb Vertriebskosten bes Buches so niebrig halten, baB bie Anschaffung auch breitesten Volksschichten ermoglicht wiirbe. Normung im gewissen Sinne war es auch, wenn in ben letzten Jahren vor bem Kriege innerhalb bes graphischen Gewerbes ber Ruf nach moglichster Aus sdialtung ber Antiquaschrift unb starkerer Einfiihrung ber Fraktur laut wurbe. Hier aber schieben sich bie Geister. Man machte mit Recht geltenb, baB bie auf kunstgewerblichen Grunbsatzen beruhenbe Tatigkeit bes Buchbruckers verflacht wiirbe, wollte man sie gerabe an ber Stelle uniformieren unb in allgemein gultige Regeln pressen, wo Inbivibualitat unb charakte- ristische Eigenheit am klarsten zum Ausbruck kommen, unb wo audi einer ber Grabmesser fiir bie kiinst- lerische Qualifikation bes graphischen Gewerbes zu finben ist, namlich in ben Schriftcharakteren. Unsere heutige Buchkunst ware iiberhaupt nicht zu benken ohne bie Schriftschopfungen eines Eckmann, Behrens, Ehmcke, Tiemann unb anberer. An beren Stelle etwa eine allein gultige Normalschrift setzen zu wollen, kame einer vollkommenen Verflachung unb Mechani- sierung ber Arbeit bes Buchbruckers gleich. Richtig erfaBte Normungsarbeit konnte unb muBte in ber graphischen Inbustrie bort geleistet werben, wo sie unbeschabet ber kunstlerischen Leistungsfahigkeit ber einzelnen buchgewerblichen Zweige auf Erzielung einer hoheren quantitativen Ergiebigkeit, Vermeibung jeber unnotigen, unprobuktiven Kraftleistung unb Ver einfachung bes Arbeitsverfahrens bebacht ist. DaB bafiir in einem Gewerbe, fur bessen Probuktions- prozeB bas Vervielfaltigungsverfahren charakteristisch ist, weiter Spielraum bleibt, ist ohne weiteres klar, Wenn trotzbem in ber graphischen Inbustrie Nor- malisierungsbestrebungen audi bei ben angestrengten Bemiihungen bes Normenausschusses fiir bas graphische Gewerbe nach ber Kriegszeit nicht immer ben erforber- lichen Anklang fanben, so lag bas einmal wohl baran,

Deutscher Buch- und Steindrucker de | 1923 | | page 32