DEUTSCHER BUCH- UND STEINDRUCKER Uber den Alzprozefi lm Tiefdrucili-srerfaliren 100 XXX Von Professor K. AlbertWien Ejine der fiir das Endresultat ausschlaggebenden Phasen im Tiefdruckverfahren isl das Atzen der Druckform. Hangt doch hier im Gegensatz zu alien andern Atzprozessen, wo es Unterbrechungen und partielles Atzen gibt, das ganze Gelingen von dem Feingefiihle und der Geistesgegenwart des Atzers ab. Wenn man z. B. bedenkt, daB eine Walze fiir eine illustrierte Zeitschrift oft bis zu 70 Illustrationen auf- weist, die alle in einer Zeit von etwa 20 Minuten gleichzeitig geatzt werden miissen, so begreift man, welch rasches und zugleich feines Beobachtungsver- mogen dazu gehort, die richtige Bildwirkung bei jeder dieser Abbildungen herauszubekommen. Theoretisch isl die Sadie sehr einfach: Der Photo graph sowie die Retuscheure haben eben diese siebzig Negative und Diapositive derart zu behandeln, daB sie in ihrer Tonabstufung in sich vollstandig gleich werden, daB also alle korrespondierenden Tone aller Bilder stets gleichmafiig und gleichzeitig zu atzen be- ginnen, so daB mit dem Fertigatzen des letzten hellsten Tones des einen Bildes auch gleichzeitig alle andern 69 Bilder fertig werden. Demgegeniiber steht die Erfahrung des Alltags, welche beweist, daB auch die tiichtigsten Tediniker, besonders bei GroBformaten mit vielen Kleinbildern, wie es insbesondere bei Postkartenbogen oder Walzen fiir illustrierte Zeitschriften der Fall ist, nicht immer in der Lage sind, die oft heterogensten Vorlagencharaktere ganz gleichartig zu gestalten. Die Sammelbogen bei Postkarten weisen oft neben tadellosen Vorlagen, wo dem Tediniker vielleicht sogar die Originalnegative zur Verfiigung stehen, die elendesten Amateurphotos auf, blasse, schleierige Bilder neben harten und ganz ton- armen. Noch arger ist es bei der Herstellung von illustrierten Zeitschriften, wo der Redakteur in seinem berechtigten Streben nach Erhaltung der Aktualitat seines Blattes alles daran setzt, den Zeitpunkt des Redaktionsschlusses moglichst hinauszuschieben, was immer auf Kosten der zur Retusche verfiigbaren Zeit geht, da ja der Druckbeginn genau vorgeschrieben ist, zweitens aber die Redaktion eben aus Grunden der Aktualitat sehr oft gezwungen ist, dem Tediniker neben guten auch die denkbar schlechtesten Vorlagen zur Verfiigung zu stellen. Sehr haufig kommt es dann vor, daB der Techniker unter den 70 auf eine Walze zu bringenden und auf einmal zu atzenden Bildern neben schonen Vorlagen auch uralte, vergilbte und blasse Photos, Ausschnitte aus auslandischen Zeit schriften, womoglich nodi zerknittert, erhalt. Hier kann neben der tiiditigen Arbeit des Photo- graphen und Retuscheurs nur die besondere Gesdiick- lichkeit des Atzers helfen. Es ist nach dem Gesagten vollkommen klar, daB eine gleichzeitige Atzung von vielen Bildern nur als Endresultat ein Qualitatsmittel, ein KompromiB zwischen den Versdiiedenheiten der Bilder bringen kann. Das Atzen geschieht, wie bekannt, mit wasseriger Losung von Eisenchlorid verschiedener Konzentration, und zwar zuerst mit konzentrierter und nachfolgend mit immer diinnerer Losung, bis die Atzung beendet ist. Der Vorgang hierbei ist der, daB das Gelatine- relief entsprechend dem lichteren oder dunkleren Tone des zu reproduzierenden Bildes dicker oder diinner ist und dadurch der Eisenchloridlosung friiher oder spater den Zutritt zum Kupfer gestattet. Dies ware der Vorgang, wenn nur eine einzige Losung von einer z. B. mittleren Konzentration und einer mittleren Temperatur angewendet wiirde. Die nun tatsachlich meistangewendeten verschiedenen Konzentrationen (zwischen 42 bis hinunter zu 33 Baume) stellen das zweite Mittel dar, durch welches der Atzer auf die kiinftige Bildwirkung seinen EinfluB ausiiben kann. Je wasserarmer, also je konzentrierter die Losung, desto langsamer durchdringt sie die Gelatine, desto starker greift sie aber das Kupfer an und umgekehrt. Ganz im geraden Verhaltnisse zur verschiedenen Kon zentration verhalt sich die Sadie aber deshalb nicht, weil dieses Verhaltnis noch gesteigert wird durch den Umstand, daB dem Eisenchlorid noch die Eigenschaft zukommt, je nach der Konzentration, besonders in den starksten Badern, auf die Gelatine gerbend ein- zuwirken, wodurch eben ein Verzogern des Atzens hervorgerufen wird. Eine weitere Verstarkung dieser Verzogerung streben mandie Atzer durch Zusatze von Alkohol zu den Badern an. Unabhangig davon hat nun der EinfluB der Tem peratur der Bader eine mindestens ebenso groBe Wirkung wie die Verschiedenheit der Konzentration. Je warmer das Bad, desto rascher durchdringt es die Gelatineschicht, desto starker greift es aber auch das Kupfer an. Tatsache ist, daB man mit nur einer ein- zigen Konzentration und nur Verwendung einer immer warmeren Losung ebenso tadellose, ja sogar bis zu einem gewissen Grade bessere Atzungen erzielen kann. SchlieBlich spielt nodi der Grad der (Jnverbrauchtheit der fiir Tiefdruckzwecke stets vor erster Verwendung durch allerlei Mittel abgestumpften Bader eine nicht unwichtige Rolle. Je frischer dieselben, desto starker greifen sie an, wahrend sehr verbrauchte Bader trotz langen Atzens gar keine Tiefe mehr ergeben. Es ist nun vollkommen klar, daB der Atzer mit den obenerwahnten Mitteln, wie Verwendung von weicheren oder harteren Dia- positiven, Dicke des Gelatinereliefs, Verwendung von starkeren oder diinneren Atz- badern, Zusatzen von gerbenden, daher verzogernden Mitteln, Verwendung von verschieden temperierten Badern, derart viel zu modifizieren vermag, daB man wohl von einer rein subjektiven Leistung desselben sprechen kann. In der Kombinierung und richtigen Anwendung der Mittel je nach Jahreszeit und Bildwirkung liegt die Kunst. Wohl hat man besonders fiir den Schnellpressen- tiefdruck stets das Bestreben, durch Einhaltung eines in sich genau abgestimmten Prozesses den ganzen Vorgang mehr oder weniger zwanglaufig zu gestalten, was ja fiir einen rationellen Betrieb auch tatsachlich notwendig ist. Immerhin weiB jeder Techniker aber, wie sehr Gelatine gegen Temperatur- und Luft- feuchtigkeitsdifferenzen empfindlich ist, und daher der Atzer bei aller Genauigkeit des Arbeitsvorganges doch fallweise imstande sein muB, durch schnelles Erkennen der Notwendigkeiten die oben geschilderten Mittel jeweils rasch anzuwenden. Aber auch zum Ausgleiche der unvermeidlichen Verschiedenheiten der Bilder bei groBen Walzen dienen ihm diese Mittel, und ist nach dem Gesagten klar, daB ein wirklich zuverlassiger Atzer entschieden neben dem richtigen Gefiihle fiir Bildwirkung auch eine ziemlich erhebliche fachtechnische Routine besitzen muB.

Deutscher Buch- und Steindrucker de | 1923 | | page 36