Ein Gang durch eine Berliner Grofi - Druckerei. DEUTSCHER BUCH- UND STEINDRUCKER 'liili i SLlBljalll JlMPiiiili Nov. 1923 ill Von Otto Schlotke. Raphael Boll Am Schiffbauerdamm er- hebt sich ein monumentales Gebaude, das an seinem Gie- bel die Inschrifi R. Boll tragt. Es ist das Heim eines der bestbekannten Druckereibe- triebe, die die Reichshaupt- stadt besifei und dessen Be- deuiung weit iiber die Grenz- pfahle dieser Stadt hinaus- reichf. Ein 60jahriges Werden und Wadisen hat die Buchdrucke- rei und Verlagsbuchhandlung R. Boll, die am 4. Juli 1863 von Raphael Boll gegriindet, seither in der dritten Generation in der Familie ist, zu einer Bliite gebradit, die man in so reicher Ent- wicklung nur selten findet. Ein kurzer Rundgang durch die ausgedehnten Raume der Firma R. Boll gibt einen Ueberblick iiber den hohen Stand der Technik und die vielseitigen Leistungen einer modernen Grofedruckerei. Die Handsefeerei ist in grofeen Salen unter- gebracht. Wie in alien Raumen fallt auch hier sofort auf, wie vorsorglich beim Bau fur Luft und l.icht uberall gesorgt worden ist. Wie weit ist man doch entfernt von den alten halbdunklen Statten, an denen in vielen Orten die Kunst Gutenbergs ausgeiibt wurde und leider noch wird. In vielen Re- galen und Kasten ist hier das kostbare Schriften- und Ornament-Material aufgespeidiert, das fur die Anforderungen einer so grofeen Druckerei notig ist. Q ^IMI c..WX, a tm'Iim n-ittigiMio Allen Geschmacksrichiungen auf dem Gebiete der oinamentalen Ausstattung der Drucksachen mufe ein soldher Betrieb folgen und ihn in dieser Hinsicht auf der Hohe halten, bedeutet namentlich heute eine ungeheure Belastung des Ansdiaffungsfonds. Zahlreidie Sdiriften und Ornamente der liervor- ragendsfen Buchkiinstler, der Eckmann, Kleukens, Behrens, Konig, Bernhard, Cissarz und vieler anderer, sind hier vertreten und sefeen die Firma In den Stand, auf dem Gebiet des Werk- und Akzi- denzdruckes alien Anforderungen der Industrie, des Handels, der Kunst und des Verlages zu ge- niigen. In einem besonderen Raum der Hand sefeerei findet man die Abteilung fiir Zeitungen und Zeitschriften, die in der Druckerei eine wichiige Stelle einnehmen; denn es werden eine ganze Reihe von bedeutenden Fachzeitschriften, sonstigen Zeitschriften und Zeitungen gedruckt, von denen einige laglich erscheinen. Man gelangt nunmehr in den Sefemaschinen- saal, in dem eine stattliche Reihe der modernsten Sefemaschinen arbeiten, darunter Dreimagazin- und Doppelmagazin-LinotYpes. Auf den Laien machen diese Linotypes, die geniale Erfindung Ottmar Mergenthalers, einen uberwaltigenden Eindruck; denn die Aufgabe, die komplizierie Arbeit des Sefeers durch die Maschine zu erledigen, ist hier in so wunderbarer Weise gelost, dafe es wie Zauberei wirkt. Es wiirde zu weit fiihren, hier eine nahere Beschreibung dieser Maschine zu geben. Gesagt sei aber, dafe Mergenthaler nur deshalb zur Losung des hundertjahrigen Problems der Sefemaschine gelangt ist, weil er sich von dem Gedanken frei gemacht haite, die Handtypen des Sefeers zu be- nufeen. Statt dessen umfafete er mit dieser Ma schine audi zugleich die Tatigkeit des Schrift- giefeers; er verwendete Messing-Mairizen, stellte diese zur Zeile zusammen und gofe dann von dieser Matrizenzeile fertige Zeilen in einem Stuck; diese viel leichter zu handhabenden Zeilen wurden dann, wie friiher die einzelnen Typen des Handsefeers, zu Spalten und Seiten fiir den Druck zusammen- gestellt. In dem Sefemaschinensaal fallen ferner die vortrefflichen, modernsten Einrichtungen fiir die Absaugung der Bleidampfe auf, die fiir reine und gute Luft sorgen. An die Sefemaschinenabteilung schliefet sich die Stereotypic an, und auch hier wird man iiberrascht durch die vorziiglichen Einrichtungen, sowohl fiir Flach- als auch Rund-Stereotypie, welche die Ver- wendung von Rotationsmaschinen erfordert. Zur Bearbeitung der fertigen Stereotypieplatten sind alte notigen Apparate vorhanden, wie hriis- maschinen, Hobelmaschinen usw. Dasselbe Bild fech- nischer Vollendung bietet sich in der Galvanoplastik, welche in Zusammenhang mit der Stereotypic eingerichtet ist. Bemerkenswert ist besonders eine grofee hydraulische Pragepresse, die bis zu 800 Atm. Druck ausiiben kann und nur in wenigen Exemptaren bis heute geliefert wurde. Mit dieser Presse kann man von Autotypien ausgezeichnete Matrizen herstellen, und zwar ist die Druckerei R. Boll dabei, diese Methode weiter auszubilden, um sie fiir ihren Zeitungs- und Zeitschriftendruck zu verwerten. Dies ist deshalb besonders wichtig, weil bekanntlich Autotypien bisher nur unter ganz besonderen Umsianden fiir den Rofafionsdruck ver- wendet werden konnten. Man sieht dann noch einen sehr praktisch ein- gerichfeten Materialraum, der als Sammelpunkt fiir alle in der Buchdruckerei gebrauchten Gegen- stande, von der Sfecknadel bis zur Walze, einge richtet ist, und von dem aus alles Notige geliefert wird, so dafe eine vollstandige Beobachtung des Verbrauchs moglich ist. Auch ein Sanitatsraum ist vorgesehen, der, mil alien modernen Einrichtungen versehen, von im Sanitatsdienst ausgebildeten Angestellten bedient wird. Im nachsten Stock liegt die Buchbinderei. Machiige Schneidemaschinen, bei denen das Prinzip „Genauigkeit und Schnelligkeit" zur vollkommen- sten Ausbildung gelangt ist unter ilinen solche, die das Buch gleich an drei Seiten beschneiden und fertigmachen, sowie Heftmaschinen und kompli- zierte Falzmaschinen der hervorragendsten Firmen, weldie einen zweiunddreifeigseitigen Bogen in einem Arbeitsgang falzen, bilden neben anderen erforderlichen Hilfsmaschinen den weiteren Bestand dieses Raumes. Die Druckmaschinenabteilung verteilt sich auf mehrere Sale: Werfpapier- und Banknotendruck- saal, Illustrations-, Bunt- und Mehrfarbendruck- saal, Werk-, Akzidenz- und Zeitschriftendrucksaal, Rotationsmaschinensaal. Eine Musterung der ver- schiedenartigen Druckpressen, die hier vereinigt

Deutscher Buch- und Steindrucker de | 1923 | | page 49