218 GRAPHISCHE FEIERSTUNDEN XXX In England wurde die Einfuhr fremder Spiel- karten, wohl hauptsachlich deutscher Herkunft, bereits unter Eduard IV. (gestorben 1483) durch einen Parlamentsakt verboten. Wie gewaltig der Verbrauch der Spielkarten in Frankreich, besonders in den Salons des 18. Jahrhunderts war, kann man aus der Tatsache entnehmen, daB ein Fabrikant, der Prasident in Melle, in einem einzigen Jahre fiber 200 Spiele lieferte. Nachdem die franzosische Republik proklamiert war, sollte sich das republi- kanische „Reinigungswerk" auch auf die Spiel karten erstrecken. An die Stelle der Konige und Koniginnen mit den Kronen, Zeptern und Lilien traten „Genies" und „Libertes", wahrend die Buben durch „Egalites" ersetzt wurden. In einem reich illustrierten franzosischen Prachtwerk fiber die Spielkarten von d'Allemagne sind revolutio- nare Spielkarten abgebildet. Die vier Konige werden von Solon, Plato, Cato und Brutus dar- gestellt, die vier Koniginnen von der Gerechtigkeit, der Einigkeit, der Klugheit und der Kraft; die vier Buben von Hannibal, Dacius, Horaz und Scaevola. Auf einem andern Spiel erscheinen verschiedene republikanische Devisen des revolutionaren Ka- Ienders, des metrischen Systems, der geographi- schen Entwicklung Frankreichs und der Erklarung der Menschenrechte in bildlicher Darstellung. Die groBeren Provinzstadte hatten ihre eigenen re volutionaren Spielkarten, aber diesen zum Trotz tauchten hier und dort audi solche auf, die die Revolutionshelden und -heldinnen vom royalisti- schen Standpunkte bos verspotteten, also offen- kundig einen ausgesprochen gegenrevolutionaren Zweck verfolgten. Unter dem Kaiserreiche erschienen auf den Spiel karten wieder die Konige, Koniginnen und Buben, neben ihnen aber auch, dem Geschmacke der Zeit entsprechend, Figuren in klassischen Kostttmen. Das Format der Karten war naturgemaB in den einzelnen Landern kein einheitliches. Im allge- meinen bevorzugten die Sfidlander kleinere Exem- plare als die nordischen Volkerschaften. So bewahrt das Britische Museum ein altportugiesisches Karten- spiel, dessen Blatter nicht ganz zwei Zoll in der Lange und einen in der Breite messen. Sie sind aus zarter Pappe hergestellt und lassen sich sogar rollen. Das Gegenstfick bilden englische Karten aus derselben Zeit. Die persischen und indischen Karten sind meistenteils kreisrund und besitzen einen Durchmesser von zwei bis drei Zoll. Ffir die sogenannten „Farben" der Spielkarten hatten die Italiener die Bezeichnungen Coppe (Eicheln), Danari (Geld), Bastone (Stock) und Spade (Schwerter). Diese deutsche Karte kam nach Frundsbergs Rtickkehr aus Italien im ]ahre 1511 auf. Der Stand der Adligen war durch Schellen angedeutet, da diese zur vornehmen Tracht ge- horten und da das Schellenwams ein Privileg des Adels war. Das Bild des unschuldigen Herzens, das sich auf vielen Heiligenbildern fand, bedeutete die Geistlichkeit, Grfin war das Zeichen ffir die Landleute, und die Eicheln, die man den Schweinen vorwarf, deuteten auf einen Stand, den man damals nicht viel hoher schatzte als das Vieh, namlich die Horigen, die Leibeigenen, die Unfreien. Mit Leich- tigkeit erkennt man diese Stande in etwas veran- derter Form in der franzosichen Karte wieder, wo Pique die Lanze, Coeur das Herz, Treffle den Klee und Carreau den Bolzen der Armbrustschtitzen bedeutet. Das trefle ersetzen die Englander durch die Bezeichnung clubs (Keulen), die Italiener manch- mal durch fiore (Blume), die Spanier durch palos (Pfahl). Auffallenderweise erscheint auf den alten Karten der „Bube" meist hodi zu RoB. Durch ein merkwfirdiges Spiel des Zufalls wurde diese alte Rangordnung im Laufe der Zeiten vollkommen umgedreht, und bei modernem Skat zeigt sich auch hier wieder die Wahrheit des Wortes: „Die Letzten sollen die Ersten sein." jetzt ist der hochste von alien Wenzeln der Eichelwenzel, also jener Junge, der aus dem verachtetsten Stande hervorging und immer noch das Zeichen seiner Niedrigkeit mit sich ffihrt. Der Schellenwenzel hingegen, einstmals der Reprasedtant des Adels, also des hochsten Standes, wird jetzt von alien fibrigen gestochen. Er ist tat- sachlich der niedrigste geworden. Der Spiele, die allein oder in Verbindung mit Karten ausgeffihrt werden konnen, gibt es unend- lich viele, der ehrsame „Schwarze Peter" ist langst durch Whist, L'hombre und dergleichen verdrangt worden, und an Stelle des urwfichsigen „Schafkopf" ist der raffiniertere, mit unzahligen Klauseln ver- sehene Skat getreten. Die Entstehung des Skat- spiels dfirfte erst in das zweite Jahrzehnt des 19. jahrhunderts fallen. Damals bestand in Alten- burg ein Spielverein, der sich nach dem Besitzer des Hauses, in dem er zusammenkam, die „Brom- mesche Tarockgesellschaft" nannte. Dort hat der Skat das Licht des Stammtisches erblickt, und die bekannten „Schafkopf" und „Tarock" konnte er seine Erzeuger nennen. Man modelte die Spiel- weisen dieser Stammeltern mehr oder weniger geistreich urn und entnahm dem Tarock den Ge- brauch, zwei Blatter, den „Skat", vom italienischen scartare, das ist ausschlieBen, weglegen verdeckt zur Seite zu legen; damit war das neue Spiel, in seinen Grundzfigen wenigstens, fertig. Zwischen 1820 und 1830 drang es dann auch fiber seine Heimat hinaus und eroberte sich die Welt; sollen doch heute, wie man munkelt, bereits die Ein- geborenen unserer afrikanischen und asiatischen Kolonien mit Hingebung und Verstandnis Skat dreschen! Es bedarf wohl keiner besondern Erorterung, daB es ebenso bedauerlich wie tadelnswert ist, wenn jemand dem Spiele derartig leidenschaftlich huldigt, daB er darfiber alle fibrigen Interessen vergiBt. Aber auch diejenigen schieBen fiber das Ziel hinaus, welche die Karten fiberhaupt in Acht und Bann tun. Denn nichts spricht dagegen, daB man sie zeitweise zur geselligen Unterhaltung heranzieht, geben sie doch denkenden Kopfen Gelegenheit genug, Kombinationen anzustellen und den Geist durch Berechnungen zu scharfen.

Deutscher Buch- und Steindrucker de | 1923 | | page 126